Freitag, November 28, 2014

Worte der Woche

Frage: Herr Präsident, bis zum Ende ihrer Dienstzeit sind noch zwei Jahre geblieben... Antwort: Ein Jahr, 10 Monate und 15 Tage

Aus dem Interview mit dem Präsidenten Estlands Toomas Hendrik Ilves

Montag, November 24, 2014

Zahlen zum Nachdenken

Der estnische Institut für Menschenrechte und die Firma Turuuringute AS führten eine Umfrage unter den russisch-sprachigen Einwohnern Estlands durch. Es wurden tausende Leute im Alter zwischen 15-74 befragt. Dabei kamen recht interessante Ergebnisse heraus.

- 2/3 der Befragten würden gerne ein estnisches Fernsehkanal in russischen Sprache schauen. Je gebildeter der Befragte war, desto höher war die Zustimmung.

- 38% der Befragten vertrauen den russländischen Massenmedien bei der Berichterstattung von Konflikten, wie z.B. dem Konflikt in der Ukraine, 33% vertrauen sowohl den russländischen, als auch den estnischen Massenmedien, obwohl die Darstellung der Ereignisse manchmal konträr ist. Die Leute mit höherem Gehalt oder Selbstständige misstrauen am häufigsten den russländischen Massenmedien.

Der Anteil der Befragten, die den estnischen Massenmedien mehr Vertrauen schenkt, als den russländischen, liegt estlandweit bei 6%, in Ida-Virumaa im Osten des Landes bei 1%.

2/3 der russisch-sprachigen Befragten kennen die estnische Informationswelt gar nicht.

Mittwoch, November 19, 2014

Herberts Cukurs. A criminal. Just a criminal

Following the October premiere of the musical “Cukurs. Herberts Cukurs”, old arguments have resurfaced once again regarding the scandalous figure of the musical's main character. Who is he? Is he a national hero, who completed a flight to Gambia in 1933, or is he a criminal, who became a member of the execution squad of Viktors Arajs in 1941? Cukurs’s supporters point out the lack of evidence that he killed Jews with his own hands. Nevertheless, such evidence exists, which the “Open City” magazine is providing you today.

Sonntag, November 09, 2014

Politik und Facebook

Es gibt diesen Beitrag auf Estonian Moments, der recht genau beschreibt, wie die estnische Protestkultur funktioniert, hin und wieder gibt es Demonstrationen vor der Regierungssitz oder Parlament auf Toompea, aber der wirkliche Dampf wird online abgelassen. Es ist gewissermassen ein Volkssport in Estland beleidigende Kommentare zu schreiben. Und Politiker machen da keine Ausnahme.

Wie schon im letzten Artikel berichtet, bezeichnete der Finanzminister Jürgen Ligi den Bildungsminister Jevgeni Ossinovski als einen „Immigrantensohn aus der rosa Partei“. Normalerweise gehört es zu harmloseren Ausfällen von Ligi, der auch schon seinen politischen Opponenten in Talkshows empfohlen hat, einfach das Maul zu halten, aber diesmal war offenbar das Mass überschritten und die Öffentlichkeit forderte Konsequenzen. Die Konsequenz ist, dass Jürgen Ligi nicht mehr Finanzminister ist, das Amt hat jetzt Maris Lauti innen.

Zweiter Skandal geschah zwei Wochen später. Andres Ansip, der ehemalige Premierminister Estlands wurde in Europaparlament gewählt. Doch nachdem er Kommissar der Europäischen Kommission wurde, wurde sein Platz frei, also musste jemand nachrücken. Nach den Wahlergebnissen wäre der nächste der estnische Aussenminister Urmas Päet, und der übernächste Igor Gräzin. Allgemein wurde erwartet, dass Päet Aussenminister bleibt und Gräzin nach Brüssel fährt, doch überraschend erklärte Päet, dass er den Platz im Europaparlament annehmen wird. Daraufhin schrieb Gräzin in sein Facebook, dass Päet ein „gewöhnlicher Tartuer Mistkerl sei, wenn man ihn zusammenschlagen würde, wäre das moralisch gut, aber juristisch problematisch…“ Konsequenzen für Gräzin hatte es grundsätzlich keine, aber ich bezweifle, dass die Partei der Reformisten ihm noch einen hohen Posten anbieten wird.

Der estnische Aussenminister ist als Europaparlamentarier geworden. Die neue Aussenministerin heisst Kejt Pentus-Rozimannus, die vorher Umweltministerin war. Der neue Umweltminister ist Mati Raidma. Ob es eine gute Idee war Pentus-Rozimannus einen in heutigen Zeiten so verantwortungsvollen Job, wie Aussenministerin zu geben, ist fraglich, denn sie gilt als politisch angeschlagen, da sie beschuldigt wurde mit dem Bankrott der Firma ihres Vaters zu tun gehabt zu haben, bei dem viele Kreditoren auf Schulden sitzen blieben und Firmeneigentum veruntreut wurde. Das Gericht sprach sie vom Vorwurf frei, nicht allerdings ihren Ehemann, der über 100 000 EUR den Kreditoren zahlen musste.

Allerdings sind alle diese Umstellungen rein temporärer Natur. In vier Monaten gibt es Wahlen und das Rennen ist sehr offen. Sozialdemokraten werden versuchen die russischen Stimmen den Zentristen abzujagen, der russischstämmige Bildungsminister gibt richtig gute Interviews zum Thema russischen Schulen, mal sehen, ob sich das in Stimmen auszahlt. IRL wird höchstwahrscheinlich versuchen mit der Angst der Esten vor der russischen Invasion zu punkten, auch wenn sie in der letzten Zeit einige hochkarätige Politiker an andere Parteien verloren hat. So richtig ist der Wahlkampf noch gar nicht losgegangen, deswegen wird man wahrscheinlich in der Zukunft noch mehr Ausfälle in Facebookaccounts estnischer Politiker nachlesen können.

Donnerstag, Oktober 23, 2014

Worte der Woche

Er ist der Sohn einen Immigranten aus der rosa Partei. Er muss sehr vorsichtig sein.

Der estnische Finanzminister Jürgen Ligi in einem Facebookeintrag (inzwischen gelöscht) über Jevgeni Ossinovski, der russisch-stämmige Bildungsminister von der Sozial-Demokratischen Partei Estlands

Montag, Oktober 06, 2014

Sonntag, Oktober 05, 2014

Untersuchung des RBK: Woher kommen russische Soldaten in die Ukraine?

Die Zeitung RBK sammelte und analysierte Fakten über die getöteten, verwundeten und vermissten russischen Armeeangehörigen in der Ukraine. Es stellte sich heraus, dass die meisten von ihnen in fünf Truppenteilen des ВДВ (Военно-Десантные-Войска, Fallschirmjäger Truppenteile in der russischen Armee) dienten, die zum russischen Friedenkorps angehören. An der offiziellen Version, dass die Fallschirmjäger während der Wehrübungen in Rostovskaja Oblast ums Leben kamen und in den Donbas nur Freiwillige fuhren, ergaben sich mehrere Unzulänglichkeiten. Es stellte sich heraus, dass während der vermutlichen Teilnahme der russischen Armee im Konflikt, die staatlichen Medien über den Zufluss an Freiwilligen in den Donbas berichteten.

„Ich zünde Kerzen für diejenigen an, die gelitten und ihr Leben für die Verteidigung der Leute in Novorossija gegeben haben“ - sagte Putin am 11. September, als er aus der orthodoxen Kirche Живоначальной троицы (Lebensbeginnender Dreifaltigkeit) auf den Vorobjev Hügeln in Moskau herauskam. Der President meinte nicht die russischen Armeeangehörigen, erklärte RBK Putins Pressesprecher Dmitrij Peskov: „Es gab dort keine russischen Armeeangehörigen“.

Wer waren den die Soldaten und Offiziere, die tot oder lebend aus der Ukraine zurückkehrten, wieviele waren es und warum letztendlich gelten mindestens drei von ihnen als vermisst?

Fallschirmjäger aus Ulyanovsk

Am 28. August hat der Korrespondent des ukrainischen Fernsehsenders „Espresso-TV“ Jegor Vorobjev im Internet einen Beitrag über der Soldaten der 31. Отдельной Десантно-Штурмовой Бригады (autonome Fallschirmjäger-Sturmbrigade) des russischen ВДВ veröffentlicht, die sich ergeben haben. Der Standort der Brigade ist in Ulyanovsk. In der Aufzeichnung erzählen die Fallschirmjäger Ruslan Achmetov und Arsenij Ilmitov, wie sie zur Wehrübung in Rostovskaja Oblast ankamen und schon am nächsten Tag sich in der Ukraine wiederfanden. „Die Patronen wurden an der Grenze ausgegeben“ - sagt Achmetov während der Aufnahme. Erst nach dem ersten Beschuss begriff er, dass es um ihn herum keine Wehrübung stattfindet.

Das Video wurde im Dorf Многополье (Mnogopolje) unterhalb von Иловайск (Ilovajsk) süd-westlich von Donezk aufgezeichnet, wo die Kämpfer der ukrainischen Armee und Angehörige der Bataillone der Freiwilligen des ukrainischen Innenministeriums „Dnepr-1“ und „Donbas“ umzingelt waren. „Wir befinden uns in einem improvisiertem Krankenhaus, im Gebäude der örtlichen Schule, hier behandelt man einen Kämpfer der russischen Armee, der in einem БМД (боевая машина десанта, BMD, Kampffahrzeug der Fallschirmjäger) verbrannte“ - mit diesen Worten beendet der ukrainische Journalist seinen Beitrag.

Nach zwei Tagen geriet er selbst in Gefangenschaft, der Reporter ist bis heute nicht nach Hause zurückgekehrt, erzählt RBK die Ehefrau Vorobjevs Elena Solodnikova.

Wie es aussieht, kehrten auch Ilmitov und Achmetov nicht aus dem Krieg zurück. Auf die Bitte des RBK erkannten die Bekannten der ulyanovsker Fallschirmjäger aus sozialen Netzwerken sie in dem Beitrag des ukrainischen Journalisten. In den Accounts der Kämpfer selbst gibt es keine frische Information. Die Verwandten von Ilmitov und die Frau von Achmetov wollten mit RBK nicht reden.

Der stellvertretende Innenminister der Ukraine Anton Geraschenko denkt, dass die Fallschirmjäger während des Beschusses einer Kolonne der ukrainischen Armee ums Leben kamen. Wie Geraschenko RBK erklärte, weiss er das vom Kommandeur einen der Bataillons der Freiwilligen. Der Kommandeur von „Dnjepr-1“ Jurij Bereza bestätigte RBK, dass Ilmitov und Achmatov im Laufe der Kämpfe bei Mnogoploje um den 20. August von seinen Kämpfern gefangengenommen wurden. „Ich habe persönlich Gespräche mit ihrem Kommandeur geführt - sein Rufnahme ist „Клен“ (Ahorn)“ - erzählte Bereza. Laut Bereza wurden zusammen mit den auf dem Video vorgeführten Fallschirmjägern noch bis zu 20 russische Soldaten von den ukrainischen Kämpfern gefangengenommen. Dass die Festgenommenen in der russischen Armee dienen, weiss der ukrainischer Offizier nur aus den Geständnissen der Gefangenen, sie hatten keine Dokumente bei sich, die Daten, die während der Vernehmungen aufgezeichnet wurden, gingen während dem Ausbruch aus der Umzingelung verloren.

„Ich gab mein Offizier-Ehrenwort, dass wenn man uns erlaubt, die Umzingelung zu verlassen, geben wir die Gefangenen frei. In jedem Fahrzeug saß ein russischer Gefangener“ - behauptet Bereza. Doch am 29. August wurde in der Nähe des Dorfes Новокатериновка (Novokaterinovka) auf die Kolonne das Feuer eröffnet. „Das Fahrzeug mit ihnen (Ilmitov und Achmetov) wurde vor meinen Augen zerschossen“ - behauptet der Kommandeur.

Im Truppenteil, wo die Fallschirmjäger dienten, hat man sich geweigert mit RBK über die Teilnahme der Kämpfer in den ukrainischen Geschehnissen zu reden. Genauso geschah es in allen Truppenteilen, die weiter unten erwähnt werden.

Die 31. autonome Fallschirmjäger-Sturmbrigade ist in Ulyanovskaja Oblast stationiert. Die Fallschirmjäger aus Ulyanovsk nahmen an der Wiederherstellung der von Verfassung garantierten Ordnung auf den Gebiet von Tschetschenien teil. Im Jahr 2005 wurde die Brigade besteht die Brigade komplett aus Kontraktsoldaten.

Laut unterschiedlichen Berichten verlor die 31 Brigade noch mindestens zwei Kontraktsoldaten. Im Kreiswehrersatzamt in Baschkirien wurde der Nachrichtenagentur „Baschinform“ der Tod des 28-jährigen Gefreiten Ilnur Kiltschinbajev aus dem Dorf Almjasovo des Kugartschinskij Rajon (Rajon = Landkreis) bestätigt. Über Aleksander Belozerov aus dem Dorf Novaja Majna des Melekessov Rajon in Ulyanovskaja Oblast wurde ein kurzer Bericht des örtlichen Fernsehens aufgenommen. Beide sind Ende August zur Wehrübung in Rostovskaja Oblast gefahren, laut der Informationen, die die Verwandten haben, starben beide am 25. August.

„Unser Landsmann Ilnur Kiltschinbajev starb den Heldentod während der Verteidigung der Zivilbevölkerung in der Ukraine“ - stand es in der gelöschten, aber noch im Cache verfügbaren Meldung der Landsmannschaft des Kugartschinskij Rajons. „Starb bei der Erfüllung der Dienstpflicht“ - steht es lakonisch geschrieben auf dem Trauertafel in der Schule, wo Belozerov lernte.

Accounts der beiden sind schon aus dem sozialen Netzwerk „V Kontakte“ entfernt, die Frau von Kiltschinbajev wollte mit RBK nicht reden, Verwandte von Belozerov konnten nicht gefunden werden.

Fallschirmjäger aus Kostroma

„Sie verirrten sich nicht. Sie nutzten die Karten aus dem Jahr 2015“ - erzählt die Vorsitzende des Vereins der Soldatenmütter Ljudmila Hochlova ein Witz aus den sozialen Netzwerken über die Fallschirmjäger, die in Kostroma stationierten 331. Regiment des VDV angehören. Am 25. August hat der Sicherheitsdienst der Ukraine (СБУ = ukrainischer Innengeheimdienst) die Aufnahmen der Vernehmung der Kontraktsoldaten aus Kostroma veröffentlicht, die ein Tag früher neben dem Dorf Zerkalnoje im Amrosjevskij Rajon in Donezkaja Oblast festgenommen wurden. Das ist 36km westlich der russischen Grenze und 10km südlich von Mnogopolje, wo die Fallschirmjäger aus Ulyanovsk gefangengenommen wurden.

Auf dem Schirm sieht man neun schlechtgelaunte Männer im Tarnanzügen, ohne Erkennungszeichen, die der Reihe nach erzählen, wie sie sich im Krieg wiederfanden. Das Video ist dafür gedacht, die Kiever Hypothese von der Teilnahme der regulären russischen Armeeteile im Konflikt zu untermauern. Laut den Soldaten kamen sie für eine Bataillon-taktische Wehrübung in Rostovskaja Oblast an, wo sie einen Lager neben dem Dorf Matveen Kurgan aufgeschlagen haben. Nach einiger Zeit bekamen die Fallschirmjäger den Befehl eine Kolonne mit Militärtechnik zu begleiten. Sie überquerten die Grenze in einem nicht markierten Bereich und wurden am selben Tag von ukrainischen Armeeangehörigen gefangengenommen.

Laut der Aussage der russischen Seite verirrten sich die Fallschirmjäger während der Übungen und kamen zufällig auf das ukrainische Territorium. Am 31. August nach den Gesprächen der Präsidenten der Ukraine und Russlands in Minsk, wurden die Soldaten Moskau übergeben.

Nachdem sie einige Zeit in Rostov und dann im Militärhospital Burdenko in Moskau verbrachten, kehrten die neun Gefangengenommenen nach Kostroma zurück. Einer mit ernsthaften Verwundungen, blieb in einem Krankenhaus in St. Petersburg, wo Verbrennungen behandelt werden (der Verwundete wurde im SBU-Video nicht gezeigt), erzählen die Verwandten der ehemals Gefangenen. Jetzt sich die Befreiten im Urlaub, falls sie wünschen, können sie den Kontraktdienst auch fortsetzen, erzählte RBK der stellvertretender Kommandeur für Erziehung der 98. Division Hauptmann Aleksandr Hotulev. Ob es in dem Truppenteil Verluste gegeben hat, darüber wollte Hotulev nicht sprechen. Doch die Verwandten der Fallschirmjäger erzählen, dass genau dieser Offizier den Familien berichtete, dass es in der Division zwei Gefallenen und zehn Verwundete gibt.

98er Fallschirmjäger-Division ist in Ivanovskaja und Kostromskaja Oblast stationiert. Der der Division angehörende 331-Kostroma Regiment nahm an der Regulierung der internationalen Konflikte in Kaukasus, Transnistrien, Jugoslawien, Nord-Ossetien teil. Im Jahr 2008 nahmen die Fallschirmjäger aus Kostroma im georgisch-ossetinischen Konflikt teil.

Der erste gefallene Kontraktsoldat aus diesem Truppenteil über den bekannt wurde, der am 2. September in Vladimir beerdigte Sergej Seleznjev. Der Vertreter des Kreiswehrersatzamtes sagte der örtlichen Zeitung „Pro Gorod“, dass der Soldat während der Wehrübung in Rostovskaja Oblast gefallen ist. Die Todesumstände einen anderen Fallschirmjägers Andrej Piliptschuk aus Kostromskaja Oblast bleiben unaufgeklärt. Über seinen Tod haben Verwandte und Freunde in sozialen Netzwerken berichtet, doch später wurde die Information entfernt. Der Redaktor des „Главного портала Костромы“ (Hauptportal von Kostroma) Kirill Rubankov behauptet, dass eine Verwandte von Piliptschuk ihm gegenüber den Fakt der Bestattung des Fallschirmjägers bestätigte. Mit RBK wollte sie nicht reden.


Grab von Sergej Selesnjev

In der Verwaltung des Kostroma-Friedhofs erzählte man RBK über die Begräbnisse von drei „in der Ukraine“ Gefallenen. In der „Afghanen-Allee“, wo man traditionell die Gefallenen in den Konfliktregionen beerdigt, gibt es drei frische Gräber nebeneinander. Laut den Begräbnistafeln fielen der 26-jähriger Sergej Gerasimov, der 32-jähriger Aleksej Kasjanov und der 27-jähriger Evgenij Kamenev am 24, 25 August und am 3. September.


Grab von Sergej Gerassimov

Die Frau von einem Truppenangehörigen von Gerassimov erzählte RBK, dass der junge Mann als Kontraktsoldat in der Aufklärung des 331. Regiments diente. Sie selbst wartet auf die Rückkehr ihren Mannes aus Rostovskaja Oblast. „Sie sagen: „Ja, wir waren in der Ukraine“ - behauptet die Gesprächspartnerin RBK, die gebeten hat, ihren Namen nicht zu nennen. Laut ihren Worten kehrte ihr Mann vom ukrainischen Territorium in den ersten Septembertagen zurück in Rostovskaja Oblast: „Gestern [am 3. September] gab man ihnen die Gelegenheit Telefonate zu führen. Die Jungs wollen nicht dort bleiben.“


Grab von Aleksej Kasjanov

Wieviele Fallschirmjäger aus Kostroma auf die Wehrübung nach Rostov gefahren sind, wollte Hotulev nicht sagen. Die Verwandte der Soldaten behaupten, dass in Rostovskaja Oblast mindestens ein Bataillon (normalerweise sind in einem Fallschirmjäger-Bataillon 400-500 Soldaten).


Grab von Evgenij Kamenev

„Ich denke, dass die Wehrübung bald beendet sein wird… Zusammen mit der Verbesserung der politischen Lage“ - sagte Hotulev RBK. Die Teilnahme der russischen Armeeangehörigen im ukrainischen Konflikt wollte er nicht kommentieren. „Die Mütter und die Verwandten haben sich beruhigt. Alles normalisiert sich“ - schlussfolgerte der Hauptmann.

Die Fallschirmjäger aus Pskov, Novorossija und Ryazan

Der ersten Bezeugung der möglichen Teilnahme der Fallschirmjäger aus Pskov in den Kämpfen in der Ukraine war die Meldung der ukrainischen Massenmedien vom 20. August. Neben dem Dorf Georgievka in der Luganskaja Oblast nahm die ukrainische Armee ein BMD-2 mit Dokumenten und Waffen der Kämpfer aus der 76er Luftlandedivision, die in Pskov stationiert ist, gefangen . Der Korrespondent des Kanals „Inter“ Roman Botschkala veröffentlichte auf seiner Facebookseite entsprechende Photos. Unter den Sachen, die in BMD gefunden wurden, gab es einen Pass und Führerschein von Nikolai Krygin aus Pskovskaja Oblast und Ilja Maksimov aus Saratovskaja Oblast, als auch ein Meldebuch der abendlichen Anwesenheit mit einer langen Liste von Fallschirmjägern. Beide Russen dienten in diesem Moment als Kontraktsoldaten in der Pskover Division, behaupten ihre Bekannten, die von RBK befragt wurden.

Der offizielle Vertreter des Verteidigungsministeriums Igor Konaschenkov macht Witze: „Zu den zahlreichen „Heldentaten“ von SBU, muss man jetzt noch eine hinzufügen: Das Aufkaufen von Gestohlenem“.

Doch schon am 25. August beerdigte man in Pskov die Fallschirmjäger Leonid Kitschatnik und Alekandr Ossipov, die in dem Meldeheft, das im BMD gefunden wurde, erwähnt waren. Auf den Tafeln auf den Grabkreuzen stehen die Todesdaten: 19. und 20. August.


Grab von Leonid Kitschatkin

Dank der Untersuchung des lokalen Abgeordneten Lev Schlossberg und den Journalisten der Zeitung „Pskovskaja Gubernija“, die über die Beerdigungen erzählt haben, erfuhr das ganze Land über die Verluste der 76. Division. Die Mutter von Maksimov gab sogar eine Pressekonferenz und sagte, dass sie von den Militärbehörden keine Auskunft bekommt, wo ihr Sohn sich befindet. Er fand sich in Pskov wieder, erzählte Maksimova später dem RBK, doch er hat nicht erklärt, wie seine Dokumente in ein ausgebranntes Kampffahrzeug in der Ukraine gelangen konnten.

Die 76. Fallschirmjäger-Sturmdivision in in Pskovskaja Oblast stationiert. Die Pskover Fallschirmjäger nahmen an der Regulierung der internationalen Konflikte in Armenien, Aserbaidschan, Georgien, Kirgisistan, Baltikum, Transnistrien, Süd- und Nord-Ossetien teil. In den Jahren 1994-95 nahm die Division an dem bewaffneten Konflikt in Tschetschenischen Republik teil. Im Jahr 2008 nahmen die Angehörigen der Division an dem georgisch-ossetischen Konflikt teil. Im August dankte der Verteidigungsminister Sergej Schoigu die Soldaten für die Teilnahme an der Krim-Operation 2014.

Journalisten und Nutzer von sozialen Netzwerken fanden Dutzende von Profilen in „V Kontakte“, die den Pskover Fallschirmjägern gehören, die sie zuletzt am 15-16 August besuchten. Die lokalen Massenmedien in Voronezh, Orenburg und Komi berichteten mit Verweis auf Kreiswehrersatzämter und Verwandte über den Tod von Anton Korolenko, Dmitrij Ganin und Maksim Mesenzev (alle dienten in Pskover Division). Zu den Umständen ihres Todes verfügten die Kreiswehrersatzämter über keine Information.

Schlossberg erklärte im Gespräch mit RBK, dass die Verwandten der Gefallenen in der Regel keine Informationen verlautbaren, nicht mal auf anonymen Basis. Seiner Meinung nach, ohne Hoffnung ihre Nächsten zurückzubekommen, werden sie leichter unter Druck von der Armeeführung gesetzt, im Tausch gegen soziale Auszahlungen.

Laut Annahme von Schlossberg wurden mehr als 2000 Kämpfer aus der 76. Division zur ukrainischen Grenze verlegt.

Ausser den Fallschirmjägern aus Pskov, Kostroma und Ulyanovsk kamen während des Zeitraums der Kämpfe im Osten der Ukraine bei ungeklärten Umständen mindestens zwei Fallschirmjäger aus anderen Truppenteilen zu Tode. Die Zeitung „Чита.Ру“ berichtete mit dem Verweis auf Kreiswehrersatzamt über den Tod während der Wehrübung in Rostov des Tschitiner Landsmanns Nikolai Schaborin, der in einem Truppenteil des VDV in Novorossijsk diente. In dieser Stadt ist die 7. Fallschirmjäger Sturmdivision stationiert. Später wurde in den Nachrichten Schaborin als Freiwilliger, der sich den Separatisten angeschlossen hat, bezeichnet, sein Todesort wurde mit Donezkaja Oblast angegeben.

Über den Tod des 21-jährigen aus Astrachan Ildar aus dem 137. Armeeregiment, der 106. Division der VDV, die in Ryazanskaja Oblast stationiert ist, berichtete der Experte des Komitee der Soldatenmütter Anatolij Salin. Den Nachnamen nannte der Menschenrechtler nicht, nur das Todesdatum, 28. Juli. Kurz davor wurde der Soldat, laut den Angaben seiner Mutter in Novoschachtinsk der Rostovskaja Oblast verlegt. Die Zeitung „Kaspij.info“ nennt den Namen des Soldaten: Maksutov. Journalisten fanden den Profil des Fallschirmjäger in dem sozialen Netzwerk „V Kontakte“ mit dem Status „Auf in die Ukraine!“. Salin erzählt dass die Mutter des Soldaten, die von sich aus an die Menschenrechtler zugegangen war, von einem Moment an aufgehört hat mit ihnen Kontakt zu halten.

Die 7. Fallschirmjäger-Sturm Bergdivision VDV ist in Krasnodarskij Kraj stationiert und hat Kasernen in den Städten Novorossijsk, Stawropol und Anapa. Der Truppenteil hat an den Friedenssicherungsmissionen in Abchasien und an den Antiterror-Missionen im Nordkaukasus aktiv teilgenommen.

Die 106. Luftlande-Fallschirmjäger Division ist in Ryasanskaja Oblast stationiert. Die Kämpfer der Division nahmen an der Wiederherstellung der Ordnung während der Zeit der antiarmenischer Unruhen in Aserbaidschan und antiterroristischen Operationen in Nordkaukasus teil.

Die motorisierten Schützen

Am 27. August hat die SBU die Gefangennahme von noch einem russischen Soldaten verkündet, den 19-jährigen Peter Hochlov. Auf der von dem Dienst veröffentlichen Videoaufnahme behauptet der in der Stadt Novouzensk in Saratovskaja Oblast geborene, dass er Gefreiter der 9. autonomen Brigade der motorisierten Schützen, die in Nizhnij Nowgorod stationiert ist, sei. Er wurde von Roman Schubzov, der den Grundwehrdienst zusammen mit Hochlov absolviert hat, erkannt und seine Worte wurden RBK gegenüber bestätigt. Laut Schubzov, wurde Hochlov in einem Internat aufgezogen, seine Eltern wären gestorben.

Der Soldat auf der Videoaufnahme sagt, dass er zum Grundwehrdienst am 22. Mai 2013 aufgenommen wurde, nach neun Monaten unterschrieb er einen Kontrakt zum Dienst in der 9. Brigade. Nach zwei Monaten wurde sein Bataillon in Alarmbereitschaft versetzt, sie wurden auf ein Zug verladen und in die Rostovskaja Oblast geschickt. Dort schlug die Brigade in einem Wald ein Lager auf. Nach einem Monat befahl der Kommandeur die BMPs (gepanzerte Schützenwägen) „rauszufahren“, sie in eine Kolonne aufzureihen, ihre Nummern und andere Erkennungszeichen zu verdecken, erzählte der Soldat. Später, behauptet Hochlov, wurden 14 solcher Wägen irgendwelchen „Tschetschenen“ in der grenznahen russischen Stadt Donezk übergeben.

Aus der Erzählung Hochlovs folgt heraus, dass er von einer Belohnung erfahren hat, die die Separatisten angeblich bekommen, er hat beschlossen auf eigene Faust sein Truppenteil zu verlassen und sich ihnen anzuschliessen. Am 8. August verliessen Hochlov und sein Truppenkamerad Ruslan Garafiev selbstständig die Truppe und befanden sich in Luganskaja Oblast. Dort geriet er am 27. August beim Dorf Novosvetlovka in die Hände der Ukrainer.

Jetzt versuchen der Bruder von Hochlov, Sergej, der mit ihm im Internat aufgezogen wurde und die Braut des Soldaten Anna aus Nizhnij Nowgorod etwas über den Schicksal des Gefangenen rauszufinden. „Im Kreiswehrersatzamt sagten sie: Er verliess den Truppenstandort“. Ich glaube nicht daran, was er in die Kamera sagt. Er war auf einer Wehrübung in Rostov. Wenn er beschlossen hätte, irgendwohin zu gehen, hätte er mich angerufen.“ - erzählte Sergej Hochlov RBK. Die Verwandten von Ruslan Garafiev zu finden war nicht möglich. In SBU weigerte man sich den Schicksal der russischen Soldaten zu kommentieren.

Doch die Version, dass der Soldat der 9. Brigade aus eigenem Antrieb heraus sich in der Ukraine befunden hat, hat einige Schwachstellen. „Komsomolskaja Pravda“ veröffentlichte die Geschichten von zwei anderen Kontraktsoldaten aus derselben 9. Brigade, Armen Davoyan und Aleksander Voronov, die „an der ukrainischen Grenze“ in Rostovskaja Oblast ums Leben gekommen sind. Ihre Truppenkameraden berichteten der Zeitung, dass die jungen Leute am 14. Juli beim Beschuss ums Leben kamen, als sie Flüchtlinge beschützt haben. Später wurde der Artikel von der Webseite entfernt.

Die Kontaktperson der Brigade, dessen Telefon Sergej Hochlov vom Kreiswehrersatzamt bekommen hat, legte auf, als der Korrespondent von RBK sich vorgestellt hat. Es ist nicht gelungen in Kontakt mit den Verwandten von Davoyan und Voronov zu treten.

Wie es aussieht, nahmen an der „Wehrübung in Rostovskaja Oblast“ motorisierte Schützen aus anderen Truppenteilen teil.

Die 21. autonome Brigade der motorisierten Schützen ist in Tozkij Rajon in Orenburgskaja Oblast stationiert. Die Kämpfer der Brigade aus Tozk nahmen an friedenssichernden Missionen in Transnistrien und Abchasien, als auch an zwei tschetschenischen Operationen teil.

Ende August haben die Massenmedien in Irkutsk, Astrachan und Baschkirien mit den Verweisen auf Kreiswehrersatzämter und Verwandte über die Bestattungen von Vadim Larionov, Konstantin Kuzmin und Marcel Araptanov aus den 17. und 18. autonomen Brigaden der motorisierten Schützen, die in Tschetschenien stationiert sind, berichtet. Alle drei starben laut der offiziellen Version bei der „Erfüllung der Dienstpflicht“ während der Wehrübung bei Rostov. Die Massenmedien in Perm berichteten mit dem Verweis auf die Verwandten, die entsprechende Nachrichten bekommen haben, über den Tod während der Wehrübung von Vasilij Karavajev aus der 21. autonomen Brigade der motorisierten Schützen, die in Tozkij Rajon in Orenburgskaja Oblast stationiert sind. Der Autor der Facebook-Gruppe „Gruz-200“ (Ladung 200 ist Armeeslang für getötete Soldaten), die den russischen Soldaten, die in der Ukraine gestorben sind, gewidmet ist, ist Elena Vassiljeva. Sie veröffentlichte die Kopie des Befehls über die Einstellung aller Bezüge vom 4. September 2014 von noch sechs Angehörigen desselben Truppenteils: 25-jähriger Unteroffizier Viktor Karpuchin, 27-jährigen Gefreiten Nikita Surkov, 29-jährigen Stabsunteroffizier Vitalij Gluschenko, 35-jährigen Fähnrich Aleksander Nikulin, 37-jährigen Oberfähnrich Nikolaj Mylnikov und 35-jährigen Oberfähnrich Sergej Dymov. Vassiljeva behauptet, dass sie alle auch gestorben sein könnten.

Ihre Behauptungen zu bestätigen oder zu widerlegen, war es bis zum Erscheinen dieses Materials nicht möglich.

Friedenssicherer aus Samara

An der Übung in Rostovskaja Oblast nahmen auch Kämpfer der 15. autonomen motorisierten Schützenbrigade der Friedenssichernden Kräfte, die im Dorf Roschinskij in Samarskaja Oblast stationiert sind, teil, erzählte RBK der Vorsitzender der „Union der Veteranen von VDV und den Spezialkräften“ Viktor Kalinitschev. Zwei Verwandte der Kämpfer erzählten anonym, dass die Soldaten nach einer langen Unterbrechung am 3. September wieder Kontakt aufgenommen haben.

Die Schwiegermutter von einem Kontraktsoldaten und der Bruder den anderen behaupten, dass die Soldaten ihnen gesagt haben, dass sie in der Ukraine waren. Am 2. September kehrten sie wohl über Krasnodon zurück in Rostovskaja Oblast und bereiteten sich auf eine mögliche neue Dienstreise in die Ukraine vor.

Die Frau noch einen Kontraktsoldaten aus der Brigade aus Samara erzählte RBK, dass ihr Mann, zu dem sie lange keine Verbindung hatte, Ende August sie von einer ukrainischen Nummer aus angerufen hätte. Der Mann berichtete ihr, dass er in Rostovskaja Oblast auf Wehrübung sei. Den Telefon mit der ukrainischen SIM-Karte von dem er angerufen hat, hat er wohl von einem der Flüchtlinge genommen.

Über womöglichen Verluste der Brigade gibt es keine Zeugnisse. Im Truppenteil weigerte man sich mit RBK zu reden. „Die Wehrübung fand in der Rostovskaja Oblast statt, doch es gibt keinen unseren Kämpfer in der Ukraine“ - sagte mit Bestimmtheit Kalinischev.

Die 15. autonome motorisierte Schützenbrigade der friedenssichernden Kräfte ist in Tschernoretschje in Samarskaja Oblast stationiert. Das ist der erste autonome friedenssichernde Truppenteil in Russland, der Ende 2004 zusammengestellt wurde. Besteht aus Kontraktsoldaten.

Die Friedenskräfte

„Die Welt hat sich geändert, hat sich grundliegend verändert. Wie sie aus der Vergangenheit wissen, können friedenssichernde Truppenteile plötzlich gebraucht werden“, das sagte der Verteidigungsminister Sergej Schoigu, als er am 6. August zur 15. Brigade der Friedenssicherer kam. Damals konnten in dem Samarer Truppenteil sich nicht alle vorstellen, worüber der Minister redete.

Alle Truppenteile deren Kämpfer während der Wehrübung in Rostovskaja Oblast ums Leben kamen, oder in der Ukraine gefangengenommen wurden (ausser den motorisierten Schützen) bilden das Fundament der friedenssichernden Kräfte Russlands. Als friedenssichernde wurden die aufgezählten Truppen der Luftlandeeinheiten im August vom stellvertretendem Kommandeur der VDV für friedenssichernde Operationen General-Major Aleksander Vjasnikov bezeichnet. Laut seinen Worten wurde die Formierung der friedenssichernden Kräfte mit fünf Tausend Kämpfern im August 2014 abgeschlossen.

Die Frage er Formierung der speziellen friedenssichernden Kräfte wurde vor fünf Jahren nach der Operation in Ossetien gestellt, erinnert sich der Vorsitzender des Zentrums der militärischen Prognose Anatoij Zyganok. Laut ihm unterscheiden sich die Friedenssicherer von den anderen Kräften der schnellen Reaktion durch Sprachvorbereitung (alle lernen Englisch und andere Fremdsprachen), die Fähigkeit bei Unruhen und Massenunruhen zu handeln, die Fähigkeit mit der Polizei und anderen Ordnungskräften von anderen Staaten zusammenzuarbeiten, als auch die Bereitschaft zu nicht nur rein militärischen, sondern auch zu humanitären Operationen. Jetzt besitzen den Status von Friedenssicherern nur eine Brigade von Landkräften und die weiter oben aufgeführten Truppenteile des VDV, doch friedenssichernde Einheiten gibt es auch in den Einheiten des Innenministeriums Russlands.

Im Frühling nahmen die Fallschirmjäger aus Kostroma, Pskov und Ulyanovsk zusammen mit Kämpfern aus anderen Einheiten in der Operation zur Eingliederung von Krim an Russland. Als der Suvorov-Orden der mit einer Präsidentenorder vom 18. August der 76. Division verliehen wurde, bedanke sich Schoigu persönlich bei den Kämpfern für die Teilnahme an der Krim-Operation. Mit den Medaillen für die Rücknahme des Krims wurde der gefallene Kontraktsoldat Kiltschibajev und der bei Donezk gefangengenommene Fallschirmjäger Jegor Potschtojev geehrt. Auf persönlichen Seiten in sozialen Netzwerken haben viele Photos von den Soldaten aus diesen Truppenteilen solche Medaillen.

Wie kämpfte man

Anfang August waren Donezk und Lugansk fast völlig blockiert, das Territorium von selbstausgerufenen Donezkaja und Luganskaja Volksrepubliken verringerte sich seit dem Beginn der Kampfhandlungen fast um drei Viertel. Zurückgetreten waren Aleksander Bolotov und Aleksander Borodaj, die besonders hervorgehobene Leader der DVR und LVR, am 14. August verliess der Verteidigungsminister der DVR Igor Strelkov seinen Posten, einer der Anführer des bewaffneten Aufstandes gegen Kiev. Auf den Webseiten der russischen Nationalpatrioten kam die Redewendung auf: „Moskau gibt Novorossija auf“.

Am 16. August als die Kämpfe schon in den Vororten von Donezk und Lugansk gingen, verkündete der neue Premierminister DVR Aleksander Zachartschenko eine Verstärkung: 150 Militärfahrzeug-Einheiten (ca. 30 Panzer, alles andere verschiedene gepanzerte Fahrzeuge) und „1200 Leute aus eigenen Einheiten, die eine viermonatige Ausbildung auf dem Territorium der Russischen Föderation absolviert haben“. „Sie sind in dem allerentscheidenden Augenblick hier reingelassen worden“, sagte Zachartschenko, als er auf einer Sitzung bei dem Obersten Rat der DVR auftrat. „Nur Einzelne in der Führung der Republik wussten, dass in den nächsten Tagen ernsthafte Veränderungen eintreten werden und der Feind völlige Niederlage erleiden wird“, erklärte später gegenüber RBK, der nach Moskau zurückgekehrte Strelkov.

Als Ergebnis kam zum 19. August der Angriff der ukrainischen Armee zum Stillstand, am 20. August fing der Gegenangriff der Separatisten an. In die russischen Massenmedien kehrte die Siegesrhetorik aus den Zeiten des Grossen Vaterländischen Krieges zurück: Es wurde über die Kesseln von Ilovajsk und Mariupol gesprochen, in die die ukrainische Armee geraten ist. Tatsächlich wurden zum 27. August zwischen den Orten Ilovajsk, Amvrosievka und Starobeschevo mehrere tausend ukrainischer Militärs umzingelt. Im Osten von Mariupol hat eine frische Gruppierung, die mit gepanzerten Fahrzeugen ausgerüstet war, den Angriff auf die Ukrainer begonnen.

Am 28. August sprach der President der Ukraine Petr Poroschenko zum ersten Mal öffentlich über das Einfallen der russischen Armee in die Ukraine. Nach einigen Stunden verlautete Putin in einer Nachricht an die Separatisten, dass es „ernste Erfolge bei der Verhinderung der militärischen Operation aus Kiev“ gibt und rief auf „einen humanitären Korridor für die ukrainischen Kämpfer, die in der Umzingelung sich befinden, zu öffnen“.

Der Gegenangriff der Separatisten wäre ohne die Unterstützung von bataillon-taktischen Gruppen (BTK), die aus regulären Armeeeinheiten formiert wurden, nicht gelungen, sagt der ukrainischer Kriegsreporter Konstantin Maschovez. Die momentanen Tätigkeiten der BTK, ist die Grundlage der Militärtaktik der russischen VDV, sagt der russische Militärexperte Anatolij Zyganok. BTG kamen vor 10 Jahren auf, vor der Operation in Süd-Ossetien, wo sie sich hervorragend bewährten, sagt er. Solche Truppe ist auf der Grundlage eines Regiments oder einer Bataillons, seltener aus einer Division oder Brigade formiert, die Stärke der Truppe beträgt ähnlich der Stärke einer motorisierten Schützenbrigade 450-500 Kämpfer. So eine Formierung wird mit Artillerie, gepanzerten Fahrzeugen als auch mit Soldaten und Offizieren mit unterschiedlichen Fähigkeiten: Aufklärer, Minensuchern, Funkern, Feuerleitern und anderen ergänzt. Die Verstärkung von aus Fallschirmjägern gebildeten BTG mit motorisierten Schützen und Panzern ist eine reguläre Praxis, ergänzt der Militärexperte Aleksander Hramtschichin.

Der Hauptkommandeur der vereinigten NATO-Kräfte Philipp Breedlove schätzte die maximale Anzahl der an der Kriegsfront tätigen Kräfte der russischen Armee auf bis zu 10 BTG. Der Journalist Maschovez und der ukrainische Bataillon-Kommandeur Bereza schätzen, dass die Anzahl der BTGs mit mind. 3-4. Die letzte Zahl entspricht ungefähr der Zahl der Verstärkung über die vor dem entscheidenden Gegenangriff Zachartschnko verkündete.

Im Verteidigungsministerium wird die Behauptung Breedloves mit Humor verneint. „Vier Bataillone sind keine Nadel im Heuhaufen. Ganz geschweige von den 10 BTGs, die sich eine Woche früher sich dort befunden haben sollen. Solche lauten Aussagen, die nur auf eigenen „Gedanken“ basieren, für einen Vielsterne-General zu machen, ist zumindest fahrlässig“, sagt der Presserelease des Verteidigungsministeriums.

Doch antwortete das Verteidigungsministerium nicht auf die Anfrage des RBK, mit der Bitte die Todesumstände von mehr als zehn Militärs aus unterschiedlichen Truppenteilen während der Wehrübungen in Rostovskaja Oblast, als auch über das Schicksal vom Ilmitov, Achmetov und Hochlov aufzuklären.

Kein Urlaub auf den Stränden

Das Verteidigungsministerium erklärte die Mehrzahl der Fakten der Anwesenheit von eigenen Militärs in der Ukraine damit, dass es Freiwilligen wären, die auf den Krieg während ihren Urlaubs weggefahren wären. In DVR und LVR folgt man derselben Linie. „Sie zogen es vor, ihren Urlaub nicht auf den Seestränden, sondern unter uns zu verbringen“ - sagte Zachartschenko am 28. August im Interview den russischen Kanälen.

Als die internationalen Massenmedien über die russischen Soldaten, die in der Ukraine umgekommen waren, zu berichten begannen, fingen die russischen staatlichen Massenmedien an, das Thema über die Militär-Urlaubern zu entwickeln, die in Donbas kämpfen, bezeugt die Untersuchung der Firma „Medialogija“ für RBK. Laut den Daten des Monitoringsystems und der Analyse der Massenmedien, gab es auf den drei offiziellen Fernsehkanälen 36 Beiträge mit der Erwähnung der militärischen Freiwilligen aus Russland, 34 davon wurden nach dem 25. August gesendet.

Am 4. September wurde im Ersten Kanal die Beerdigung von Fallschirmjäger aus Kostroma Anatolij Travkin, der in der Ukraine gefallen war, gezeigt. „Vor einem Monat ging er nach Donbas, ohne was den Verwandten zu sagen. Die Kommandeure der Einheit betont: Um in die Kriegszone zu fahren, nahm Anatolij sich frei“ - sagt der Nachrichtensprecher des Ersten Kanals.

Doch dieser Beitrag stellt mehr Fragen, als beantwortet er welche. Aus ihm folgt, dass in einem Truppenteil, dem 331. Regiment des VDV in Kostroma einen in der Ukraine getöteten „Freiwilligen“, als auch „auf den Wehrübungen in Rostovskaja Oblast Gefallenen“, und zufällig in der Ukraine verirrten Kontraktsoldaten gibt, dabei sind die letzten in Uniform ohne Abzeichen gekleidet, einer sogar verwundet.

Das ist der einzige Truppenteil über deren Kämpfer die Führung nicht sagen kann, dass es Freiwillige gewesen sind: das Video der Befragung der gefangenen Militärs verneint es. Der Hauptmann Hotulev aus dem Truppenteil in Kostroma wollte RBK gegenüber den Grund für die Verletzung des verirrten Fallschirmjägers erklären. Die Gründe des Todes der anderen Kämpfer während der Wehrübung werden in dem Militärlandkreis Süd untersucht, sagte der Offizier. Der Presse-Offizier des Landkreises antwortete RBK nicht.

Ausserdem verbietet der Kontrakt es direkt den Militärangehörigen an Kampfhandlungen während ihren Urlaubs teilzunehmen, betont der Mitglied des Rates für Menschenrechte, Direktor der Menschenrechtsgruppe „Bürger. Armee. Recht“ Sergej Krivenko. „Der Dienstleistende berichtet an die Führung, wohin er während des Urlaubs fährt, in eine Zone mit Kampfhandlungen auf dem Territorium einen fremden Staats zu fahren ist ungesetzlich“, erklärt der Menschenrechtler. Nach seinen Worten muss ein nach Donbas fahrender Fallschirmjäger in so einem Fall seine Kommandeure belügen und kann in so einem Fall weder auf soziale Garantien noch auf Zahlungen im Fall seiner Verwundung oder Todesfall rechnen, als auch auf die posthume Militärehren.

Doch viele Verwandte der Gefallenen und Zurückgekehrten, die von RBK befragt wurden, sagen, dass ihnen Zahlungen im Fall einer Verwundung oder Todesfall versprochen wurden.

Am 2. September beim Treffen mit Menschenrechtlern versprach der stellvertretende Verteidigungsminister Nikolai Pankov jeden einzelnen Todesfall während der „Wehrübung in Rostov“ zu untersuchen, Krivenko übergab dem General eine Liste der Gefallenen, in dem, nach seinen Worten ca. 15 Namen standen. Eine Antwort hat er bis heute nicht erhalten.

Wie der NATO-General Breedlove behauptet, blieben im September, nach dem Beschluss des Waffenstandes vier BTG der russischen Kräfte. Das wären bis zu eineinhalb Tausend Kämpfer. Das russische Verteidigungsministerium nannte diese Einschätzung „Gedanken“.

Sonntag, September 28, 2014

Die Sklaverei des XXI Jahrhunderts

Das ist eine Übersetzung eines Kapitels des Buches von Vladimir Buzaev „Правовое положение русскоговорящего меньшинства в Латвии“ „Die rechtliche Lage der russisch-sprachigen Minderheit in Lettland“. Vladimir Buzaev ist der Leiter des Zentrums für Menschenrechte in Lettland und setzt sich besonders für die Belange der russisch-sprachigen Bevölkerung Lettlands ein.

Zum Anfang des Jahres waren unter den lettischen Staatenlosen die Letten zu 0,3% vertreten, die Vertreter der drei brüderlichen slawischen Völker waren mit 89% vertreten. Der Fakt, dass den Status „Staatenloser Lettlands“ zum Beispiel acht Araber und drei Assyrer, als auch 1304 Tataren (einer von ihnen ein Krimtatare) innehaben, macht nicht viel aus.

Im Jahr 2012 waren 40% von den Staatenlosen diejenigen, die in Lettland, nicht selten in der dritten oder vierten Generation geboren wurden.

  Der Älteste unter ihnen, der nicht den hohen Rang eines Bürgers würdig ist, kam 1892 auf die Welt, als es Lettland noch gar nicht gegeben hat!

Die Durchschnittsdauer des Aufenthaltes in Lettland für Staatenlose, die ausserhalb Lettlands geboren wurden, beträgt 47 Jahre. Das ist mehr als zweimal so lange, wie die Zweite Lettische Republik existiert, die mit Sturheit versucht, sie für Immigranten zu halten.

  Im Jahr 1942 kamen nach Lettland 1003, im Jahr 1943 1576 Personen, die im Jahr 1993 als künftige Staatenlose registriert wurden. Das war die Periode des Vernichtungsfeldzuges auf dem Gebiet der benachbarten Republiken (hauptsächlich Weißrussland), mit zwangsweiser Umsiedelung aufs Territorium Lettlands. Lettland hat ihnen politische Rechte entzogen und zeigte sich damit solidarisch mit den Nazis.

  Staatenlose und die EU

In der Presse und sogar in der Statistik des Eurostates werden ganz unerwartete Daten über die Anzahl der Staatenlosen in der EU verbreitet. Lettland kommt zum Beispiel was den Anteil der Staatenlosen angeht erst auf den dritten Platz nach Luxemburg und Zypern.

Das geschieht deswegen weil man zu den Staatenlosen, die keine Staatsangehörigkeit von IRGENDEINEM Land haben, auch Bürger von Ländern ausserhalb der EU dazugezählt werden. Wenn man das korrigiert, dann stellt es sich heraus, dass die Staatenlose Lettlands 70% aller Staatenlosen im 500 Mio. Einwohner zählendem EU stellen, zusammen mit den Staatenlosen Estlands sind es 92%!

In seiner Publikation für das Jahr 2013, hat sich der Eurostat „korrigiert“ und hat keine Angst den Tatsachen ins Auge zu sehen. Die Eurobeamten haben nicht nur verstanden, wer diese „non-citizens“ jetzt sind, sie haben sogar erklärt, dass in Lettland und in Estlands sie 96% bzw. 88% von denjenigen Personen sind, die die Staatsbürgerschaft im Jahr 2011 angenommen haben. Schon 20 Jahre lang gibt man ihnen auf individueller Basis und gegen Bezahlung diejenigen Rechte zurück, die ihnen auf kollektiven Basis und ohne Kompensation weggenommen wurden.

Lettland und Estland vergaben im Jahr 2011 Staatsbürgerschaft an 12 Personen auf 10 000 Einwohner, bei einem mittleren Niveau in EU von 16. Wenn man die Anzahl der Einwohner nimmt, die nicht die Staatsbürgerschaft des Landes haben in dem sie wohnen, dann waren es in Lettland 6 von 1000, die eingebürgert wurden, das ist der drittletzte Platz nach Tschechien und Slowakien, und viermal weniger als im EU-Mittel. In Schweden ist dieser Wert der Einbürgerung, den man nicht an die im Land geborenen, sondern an die richtigen Ausländer anwendet, 10 Mal so hoch wie in Lettland.

  Die internationale Institutionen geben selbstverständlich Lettland Empfehlungen, wie die Staatenlosigkeit verringert werden kann. In der Sammlung von Aleksander Kuzmin gibt es schon 37. Doch trotz aller Aufrufe die Rechte von Bürgern und Staatenlosen nur bei den Wahlen ins Parlament zu unterscheiden, zählen wir 80 solcher Unterscheidungen in allen Lebensbereichen auf. Zum Beispiel gibt es einen Unterschied bei der Höhe der Rente, der Prozess wurde beim Europäischen Gericht für Menschenrechte vom Autor des Buches gewonnen, das Urteil wird schon seit fünf Jahren nicht umgesetzt.

  Unter den 80 Einschränkungen gibt es 17, die nicht für die EU-Bürger gelten, die zeitweise in Lettland leben. Zum Beispiel das Recht in kommunale Verwaltungen gewählt zu werden. Und das ist ein direkter Merkmal von europäischen Rassismus.

  Die Kinder der Staatenlosen 

Das gebildete Europa schluckte schweigsam die Problematik der Massenstaatenlosigkeit und schlug verschämt vor, das Problem innerhalb einer Generation zu lösen und die Staatsbürgerschaft denjenigen zu geben, die nach der Unabhängigkeit Lettlands geboren wurden.

  Solche Empfehlungen wurden dem Sejm letztes Jahr vorgestellt, als das Parlament nach 15-jährigen Pause sich endlich entschloss Änderungen in das Gesetz „Über die Staatsbürgerschaft“ reinzubringen. Mit Unzufriedenheit stelle ich fest, dass unter den Hundert Abgeordneten des Sejms, es nicht einen einzigen gegeben hat, der wenigstens einen Vorschlag initiiert hätte, der eine radikale Änderung der Situation mit der Staatenlosigkeit bewirkt hätte. Gerechtigkeitshalber muss ich anmerken, dass die Harmoniepartei den Vorschlag, der den internationalen Empfehlungen über die Anerkennung der Staatsbürgerschaft für die in Lettland geborenen Kinder der Staatenlosen folgt, einbrachte, doch bekam er nicht die Unterstützung der Mehrheit.

Die Situation mit den Kindern von Staatenlosen ist in der nachfolgenden Tabelle, die auf den Daten des ZSB und dem Einwohnermeldeamt basiert, dargestellt.


Kinder der Staatenlosen im XXI Jahrhundert 

Die zweite und dritte Kolumnen der Tabelle zeigen die minimal und die die maximale Anzahl der Kinder, die den Status des Staatenlosen zum Zeitpunkt der Geburt bekommen. Mit der Zeit stirbt ein Teil der Kinder, emigriert mit ihren Eltern oder werden lettische Staatsbürger. Diese Veränderungen zeigen sich in den nachfolgenden Kolumnen der Tabelle.

Die Anzahl der Staatenlosen, die im XXI Jahrhundert geboren wurden und die weiterhin staatenlos geblieben sind, hat sich in den vergangenen sechs Jahren nur um 191 Personen, oder um 3% verringert. Dieser Fakt zeigt alle „Bemühungen“ Lettlands die Massenstaatenlosigkeit zu verringern.

  Zum ersten Juli 2013 gab es im Einwohnerverzeichnis 112 Staatenlose, die im Jahr 2013 geboren wurden und 12610 Staatenlose, die nach dem ersten Januar 1992 geboren wurden.

  Und wie ist es in Estland?

  In den letzten vier Jahren war unter den Staatenlosen die Annahme einer fremden Staatsbürgerschaft (vor allem der russländischen) populärer, als die Prüfungen zur Annahme der lettischen Staatsbürgerschaft. Zumeist hat es wohl was mit dem Unterschied im Renteneintrittsalter zwischen Russland und Lettland zu tun.

Viel weiter auf diesem Weg ist die russisch-sprachige Gemeinde in Estland. Insgesamt bekamen in den Jahren 1992-2008 149.351 Personen die estnische Staatsbürgerschaft, die Gesamtanzahl der Leute, die die russländische Staatsbürgerschaft in Jahren 1992 bis zum Ende 2007 angenommen haben, beträgt 147.659 Personen. Zum Anfang des Jahres 2009 lebten in Estland 110.284 Personen mit „unbestimmter Staatsangehörigkeit“ und 96.616 der russländischen Staatsbürger mit gültiger Aufenthaltserlaubnis.

  Das Verhältnis der verschiedenen Kategorien der „nicht-nativen“ Bevölkerung in Lettland und Estland in den Jahren 2011-2012 ist in der folgenden Tabelle angeben

 
Vergleichsdaten über den Status der Bevölkerungsgruppen in Estland und Lettland (2011-2012)

Es ist offensichtlich, dass unsere Freunde im Unglück aus Estland sich viel energischer ihr Rechtsstatus (Entscheidung zwischen der Staatsbürgerschaft Estlands oder Russlands) bestimmt haben als wir. Besonders gut sieht man das am Diagramm, dass die Anzahl der Personen zeigt, die jedes Jahr die estnische bzw. lettische Staatsbürgerschaft bekommen haben.

 

In Estland wurde schon alles in der ersten Hälfte der 90er Jahre beschlossen, als man „die unentschlossenen“ Personen, im Gegensatz zu den staatenlos gewordenen Letten, zur Aufenthaltsgenehmigung gezwungen hat.

In Lettland gab es zwei Peaks der Annahme der Staatsbürgerschaft. Der erste hat mit der Abschaffung der Rahmenbedingungen zu tun, die es den Personen älteren Alters, die nicht in Lettland geboren wurden, nicht erlaubten, die Staatsbürgerschaft anzunehmen. Den zweiten erklärt man gewöhnlich mit dem Beitritt Lettlands in die EU.  

Der Autor ist wohl der einzige, der die erhöhte Interesse zur Annahme der Staatsbürgerschaft nicht mit der tiefen Verehrung der EU erklärt, sondern mit dem wachsenden Selbstbewusstsein der russischen Letten, das mit dem Kampf um den Erhalt der russischen Schulen einhergeht. Zumindest sieht man in Estland, das gleichzeitig mit uns in die EU eingetreten ist, keinen entsprechenden Anstieg der Staatsbürgerschaften. Und das folgende Nachlassen des Interesses zur Annahme der Staatsbürgerschaft fällt recht genau in die Zeit mit dem Nachlassen der Proteste zusammen. Zumindest sind wir 2007 ganz sicher nicht aus der EU ausgetreten.

  Nach 2008 wirkt sich der Prozess der Annahme der Staatsbürgerschaft kaum auf die Verminderung der Massenstaatenlosigkeit aus. Doch wir müssen anmerken, dass bei fast der gleichen Anzahl der neuen Staatsbürger in dieser Periode, das potentielle Kontingent der zur Annahme berechtigten ist in Estland dreimal so klein wie in Lettland.

  Die Null-Variante

  Die Fraktion PCTVL (Für Menschenrechte im vereinten Lettland), als sie noch in Sejm war, hat mehrmals Anträge zur Gesetzgebung über die Null-Variante der Staatsbürgerschaft, d.h. zur automatischen Anerkennung (mit Antrag oder ohne) als Staatsbürger für alle oder der überwältigenden Mehrheit der Staatenlosen, eingereicht. Besonders effektiv sah unsere gesetzgebende Initiative im September 2005 aus, als die Einreichung des Gesetzesvorschlags von einer Massendemonstration (bis zu 1000 Leute) im Zentrum von Riga begleitet wurde. Den Antrag hat der Fraktionsvorsitzender Yakov Pliner eingereicht. Der Rigaer Stadtrat verbot den Marsch, doch wir haben einen Tag vor dem Beginn der Veranstaltung das Verbot vor dem Gericht gekippt.

Als wir uns ausserhalb des Sejms wiederfanden, haben wir unsere „schädliche“ Gewohnheiten nicht geändert und haben eine ähnliche Gesetzesvorlage, die vom Kollegen Aleksander Kuzmin verfasst wurde, als eine Volksinitiative eingereicht. Dazu wurden zum September 2012 als Unterstützung 12.000 notariell beglaubigten Unterschriften der Bürger gesammelt.

  Die Gesetzesvorlage geisterte lange Zeit in verschiedenen Gerichtsinstanzen, inklusive dem Verfassungsgericht. Am 12 Februar 2014 hat der Senat des Obersten Gerichts dem Herumgeistern ein Ende bereitet und erkannte die Gesetzesvorlage als nicht verfassungsgemäß an.

Genauer gesagt, nicht mal der Verfassung selbst widersprechend, sondern einer Präambel, die noch nicht verabschiedet wurde, die die Kontinuität der Existenz der Lettischen Republik während der 50 Jahre der „Okkupation“ unterstreicht.

Es ist interessant dass die Null-Variante der Staatsbürgerschaft für bestimmte Kategorien von Personen, vom obersten Sowjet Lettlands am 15. Oktober 1991 verabschiedet wurde. Im Gegensatz zu den sklavenhalterischen Athens, wurde die Staatsbürgerschaft denjenigen gegeben, bei denen nur ein Elternteil ein Staatsbürger des Vorkriegs-Lettlands gewesen ist. Solcher gab es fast 400.000. Was schlechtes ist deswegen mit der Lettischen Republik nicht geschehen. Heute gibt es noch 280.000 Staatenlose.

Der Unwille der Regierung die Staatenlosigkeit der nationalen Minderheiten, sogar unter den minderjährigen Kindern zu beseitigen, ist genauso irrational, wie die Theorie der Kontinuität. Von der Schande wäscht man sich nicht rein und die Auswirkung der Stimmen dieser potentieller Wähler, selbst wenn man annehmen dürfte, dass sie aktive Gegner der Regierungsparteien sind, ist nicht sonderlich hoch. In jedem Fall haben in Estland sowohl die Staatenlosen, als auch die Staatsbürger Russlands von Anfang an Stimmrechte bei den Kommunalwahlen. Und Estland wurde deswegen nicht ein Teil der Russischen Föderation.

Samstag, September 27, 2014

Wie unterstützt Estland Ukraine?

Die estnische Führung, insbesondere Präsident Ilves, zeigt keinen Zweifel, welche Seite sie im ukrainischen Konflikt einnimmt. Jede Art von Unterstützung wird versprochen. Doch wie sieht die Realität aus?

Laut Postimees.ee wurde keine einzige von 35 Anfragen für den Status eines Flüchtlings aus der Ukraine bisher positiv beantwortet. Es gab auch andere Anfragen, wie zum Beispiel Anfrage für den Status als Gastarbeiter, es waren 453 aus der Ukraine, doch das ist mit strengen Bedingungen verknüpft, der Arbeitnehmer muss einen gültigen Arbeitsvertrag haben, das Gehalt muss das Doppelte vom Mindestlohn betragen, es muss eine Wohngelegenheit vorhanden sein und der Arbeitgeber muss gesondert geprüft werden. 166 Ukrainer wollten aus familiären Gründen nach Estland ziehen. Wievielen Anträgen hier stattgegeben wurde, darüber schweigt das Innenministerium.

Der Aussenminister Päet sagte, dass Estland grundsätzlich bereit wäre, Flüchtlinge aus der Ukraine aufzunehmen, doch es wäre sinnvoller die Leute in ruhigere Regionen in ihrer Heimat zu überführen, diese innländische Migration unterstützt Estland durch die UNO.

Estland zieht es vor kurzfristige Programme zu unterstützen, wie die medizinische Behandlung von Verletzten während der Unruhen auf dem Maidan-Platz in Kiev. Damals wurden fünf Leute nach Estland ausgeflogen und in estnischen Krankenhäusern behandelt. Am Dienstag wurden noch zehn Leute aus der Ukraine nach Estland ausgeflogen, laut dem Aussenministerium sind es Zivilisten, die während der Anti-Terroristischen-Operation (ATO) im Süd-Osten Ukraine verletzt wurden.

Doch es gibt gewisse Zweifel, ob diese Aussage über behandelte Zivilisten den Tatsachen entspricht. Die ukrainische Presse (hier oder hier) schreibt was anderes: Nach Estland wurden zur medizinischen Behandlung 10 Kämpfer der ATO geschickt… Unter den verletzten Patienten befinden sich Vertreter der Bataillone des Verteidigungsministeriums und der Freiwilligenverbände der Nationalen Armee der Ukraine.

Einer der Behandelten ist Andrej Tarasenko. Es ist der erste Stellvertretender Vorsitzender der Organization „Trizub von Stepan Bandera“ und einer der Koordinatoren der Gruppierung „Pravij Sektor“. In seinem Facebook-Eintrag berichtet er, wie es nach Estland ausgeflogen wird, man soll nicht traurig sein, er wird zurückkommen und weiterkämpfen.


Tarasenko ist hinten rechts.


Flug zur Behandlung nach Estland

Мы говорим по-русски - Wir sprechen Russisch

„Мы говорим по-русски“ „Wir sprechen Russisch“ - solche Aufkleber werden seit einiger Zeit kostenlos vom Besitzer der gleichnamigen Webseite (engl. hier) verteilt. Dieser Internet-Projekt versucht die Praxis der offiziellen Nutzung der russischen Sprache in Estland zu ändern, unter anderem in der an Russland angrenzenden Stadt Narva, die offiziell nicht als ein Ort mit vorherrschenden russischen Bevölkerung zählt.

„Russische Sprache: soll man sich streiten oder einigen?“ - überlegt der Journalist der Regionalzeitung „Viru Prospekt“ Nikolai Andreev.

Die Webseite „Мы говорим по-русски“ - „Wir sprechen Russisch“ positioniert sich als ein privates Projekt von Mikhail Tverskoj. Dort erklärt der Autor, dass das Hauptanliegen des Projektes sei es zu erreichen, dass die Arznei-, Speiseprodukte und andere Warenhersteller die Information über die Produkte nicht nur auf Estnisch, wie es das Gesetz verlangt, sondern auch auf Russisch zur Verfügung stellen sollten. Russisch-sprachige Anleitungen werden laut den Daten auf der Webseite nur von 10% der Hersteller beigelegt.

Das zweite Ziel ist es die Leser zu informieren, dass laut dem Artikel 51 der Estnischen Verfassung, können in den Regionen, wo die Hälfte der Bevölkerung Vertreter von nationalen Minderheiten sind, jeder Mensch sich an staatliche und kommunale Behörden in der Sprache der nationalen Minderheit wenden kann und in dieser Sprache auch die Antwort bekommen muss. Das Paradox ist dabei, dass als nationale Minderheit nur die estnischen Staatsbürger anerkannt werden. So ist auch die russisch-sprachige Narva keine Stadt, in der die Mehrheit der Bevölkerung - Russen (und nicht nur russisch-sprachige) Bürger Estlands sind.

Es ist schwierig das Gefühl loszuwerden, dass das ein Trick des Gesetzgebers ist, denn Ortschaften, wo die Mehrheit der Einwohner laut dem Gesetz die Vertreter der nationalen Minderheit sind, gibt es in Estland wohl nicht.

Doch weil es in der Realität die Hauptverständigungssprache in Narva Russisch ist, gibt es eine inoffizielle Praxis ihren Gebrauchs in den kommunalen Behörden. Das leuchtendste Beispiel: Sogar die Sitzungen des Stadtrates von Narva werden auf Russisch durchgeführt.

Laut dem Stadtsekretär Ants Liimets, gilt in Narva gutwilliges Verhältnis zu der russischen Sprache. Die Beamten nehmen Papiere von Privatpersonen in russischen Sprache an und geben die Antwort auch in Russisch, obwohl sie dazu nicht verpflichtet sind. Auch kann man sich an die juristischen Personen auf Russisch wenden, doch die Antwort wird auf Estnisch kommen. Verordnungen, Beschlüsse, Anordnungen und andere offiziellen Dokumente, die vor dem Gericht angefochten werden können, werden nur auf Estnisch herausgegeben.

Auf Russisch wird der Briefverkehr mit dem russländischen Generalkonsulat und mit verschiedenen Einrichtungen in Russland geführt. Es gibt ein von beiden Ländern unterschriebenen internationalen Vertrag laut dem Estland sich verpflichtet hat, offizielle russländische Briefe auf Russisch und Russland die estländische Briefe auf Estnisch zu beantworten, doch Ants Liimets nennt diese Situation komplett unrealistisch.

Einen komplett anderen Weg verkünden die Autoren des Internet-Projekts „Мы говорим по-русски“ „Wir sprechen Russisch“. Sie sammeln auf ihren Seiten die krassesten Fälle der Sprachdiskriminierung, die Webseite ist in einem aggressiven Stil verfasst. Von einer Balance der Interessen und Meinungen kann hier keine Rede sein. In bestimmten Rubriken der Webseite sind Listen von Firmen veröffentlicht, die Anleitungen in russischen Sprache anbieten, von Firmen, die keine Anleitungen anbieten, als auch von solchen, die „eine Anordnung bekommen haben, in den nächsten sechs Monaten anzufangen Informationen über ihre Waren oder Dienstleistungen auf Russisch anzubieten“. Das bedeutet, dass die Autoren nicht versuchen eine gemeinsame Sprache mit dem Hersteller zu finden, sondern diktieren ihnen ihre Bedingungen. Welcher Weg beim Lösen diesen offensichtlichen Problems der richtige ist, wird sich wohl mit der Zeit zeigen.

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Ein Artikel von MGPR.EU

0,9% der in Estland lebenden Russen dürfen laut Verfassung Russisch sprechen

Das Projekt MGPR.EU (auf Russisch „Мы говорим по русски“, auf Deutsch „Wir sprechen Russisch“ Anm. des Übersetzers). hat eine Übersicht über die Orte in Estland erstellt, deren Bewohner das Verfassungsrecht haben auf Russisch zu sprechen. Es gibt keinen offenen Zugang zu dieser Information, auf der Seite des estnischen Statistikamtes fehlt diese. Deswegen musste das Projekt MGPR.EU diese Information bei den Mitarbeitern des Statistikamtes erfragen.

Man muss anmerken, dass das Statistikamt keine fertige Information hatte und laut dem Mitarbeiter müssen sie diese Information auf der Datenbank, die zur Volkszählung im Jahr 2011 erstellt wurde, extrahieren. Und wie ist es mit der Behauptung aus dem Amt des Präsidenten, dass diese Information jeden Jahr vom Innenministerium gesammelt wird? Woher nehmen sie die Information für jedes Jahr, wen die letzte Volkszählung in Estland im Jahr 2011 stattgefunden hat? Man weiss es nicht.

Letztendlich brauchte das Statistikamt fünf Arbeitsstunden und die Rechnung über 75 EUR für den Autor, um die notwendige Information aus ihren Datenbanken zu sammeln. Im Endergebnis bekam man eine Datei mit 52.561 Zeilen mit Daten, in denen die Antwort versteckt war, die Einwohner von welchen Orten in Estland können mit den Vertretern der Staatsmacht sich auf Russisch unterhalten.

Nach der Sortierung der Daten, wurde endlich die Antwort gefunden. Tabelle 1 (engl.) und unterstehende Karte zeigen bevölkerte Ortschaften in denen die örtlichen Russisch-sprachige das Recht haben Russisch zu sprechen, da der Anteil der russisch-sprachigen Minderheit im Verhältnis zu den ständigen Einwohnern dieser Ortschaften 50 oder mehr Prozentpunkte beträgt.


Karte 1

Tabelle 2 (engl.) und die unterstehende Karte zeigen die Ortschaften, wo die Russen laut angegebener Nationalität in Estland leben (Ortschaften mit 50 und mehr Prozentpunkten sind in der Tabelle aufgelistet).


Karte 2

Je breiter die Kreise auf der Karte, desto höher das Verhältnis des russisch-sprachigen Minderheit (Karte 1) oder der russisch-sprachigen laut ihrer Nationalität (Karte 2)

Ergebnisse:

1. Laut den statistischen Daten haben Sie in solchen russisch-sprachigen Städten wie Narva, Kohtla-Järve und Jõhvi nicht das Recht Russisch zu sprechen. Sie sind nicht in der Tabelle 1 enthalten, weil die Anzahl der Einwohner, die dem Kriterium der nationalen Minderheit entspricht, nicht dem geforderten Verhältnis entspricht.

2. In der Tabelle 1 gibt es nur Dörfer und nur zwei Städte (Mustvee und Kallaste mit 693 bzw. 615 Einwohnern)

3. Fast alle Ortschaften aus der Tabelle 1 befinden sich am Ufer des Peipus-Sees oder am Zufluss des Flusses Narva

4. Laut den Daten in der Tabelle 1, haben nur 2.969 Menschen in Estland das von der Verfassung garantiertes Recht auf Russisch zu sprechen!

5. In Estland leben 326.235 Menschen mit russischen Nationalität

6. Nur 0.9% der Menschen mit russischen Nationalität hat das von der Verfassung garantiertes Recht Russisch zu sprechen (2.926/326.235)!

7. In Estland gibt es 175.888 Menschen, die zu der russischen Minderheit (also russische Nationalität und Bürger Estlands) gehören

8. Nur 1,7% derjenigen, die zu der russischen Minderheit gehören, haben das von der Verfassung garantiertes Recht Russisch zu sprechen (2.969 / 175.888)!

9. Ein Großteil der Orte, wo Russen laut ihrer Nationalität in Estland leben, sind nicht die Orte, wo die Russen als nationale Minderheit leben, was ihnen die Möglichkeit nimmt, das von der Verfassung garantiertes Recht Russisch zu sprechen, für sich in Anspruch zu nehmen.

Freitag, September 26, 2014

Bericht: Für die russischen Kinder ist es nutzlos in gebrochenen estnischen Sprache zu lernen

Original des Berichts ist hier

Die im April vom Bildungsministerium zusammengestellte Arbeitsgruppe zur Analyse der Situation beim Übergang der russischen Schulen zur estnischen Unterrichtssprache stellte heute ihren Bericht vor, in dem geschrieben steht, dass die Ergebnisse des Übergangs häufig von den Schulen stark beschönigt wurden. Unter anderem wurde angemerkt, dass die Schüler selbst ihre Erfolge im Estnischen nicht mit dem Bemühungen in der Schule verbinden, sondern eher mit den ausserschulischen Begegnungen mit den Muttersprachlern.

Im Abschluss der Arbeit der Experten wurde offiziell eine Menge Unzulänglichkeiten beim Übergang auf die estnische Unterrichtssprache erläutert, was schon früher häufig und ergebnislos von Lehrern selbst, den Schülern und den Eltern angemerkt wurde.

Die Mitglieder der Arbeitsgruppe betonten, dass auch wenn nach formalen Merkmalen das Ziel des Übergangs man als erreicht betrachten kann, doch tatsächlich wird in den Schulen nur das Auswendiglernen von Fachwörtern und typischen Antworten für die Prüfungen geübt, anstatt dass man die estnische Sprache für Gespräche und Kommunikation benutzt.

„Die Schüler lernen während des Unterrichts die passive Sprache - sagen „Ja“, „Nein“, geben Standardantworten, doch hauptsächlich hören sie zu“ - sagte einer der Mitglieder der Arbeitsgruppe Einar Värä von SA Innove.

Laut der Aussage des Bildungsministers Evgenij Ossinovski, sollte die formelle Erfüllung des Gesetzes nicht in Vordergrund stehen - das Ministerium interessiert sich, dass die Schüler qualitativ gute Bildung bekommen und die estnische Sprache auf sehr gutem Niveau beherrschen.

„Das Ministerium betrachtet sehr ernsthaft die Aussagen und Vorschläge der Arbeitsgruppe, man muss eine sorgfältige Analyse und eine öffentliche Diskussion führen“, unterstrich Ossinovski.

Einen Durchbruch bei Estnisch-Kenntnissen gab es nicht

Laut der Bewertung der Experten hat die Behauptung, dass ein teilweiser Übergang auf die estnische Unterrichtssprache, die Beherrschung der Staatssprache verbessert, keiner Überprüfung standgehalten, es hängt von dem grundsätzlichen Progress an den Schulen ab.

„Einen besonderen Durchbruch in Beherrschung der estnischen Sprache wurde nicht festgestellt. Die Schüler selbst verbinden ihre Erfolge bei der estnischen Sprache kaum mit der Schule, hier spielt die ausserschulische Kommunikation mit den estnischen Muttersprachlern die entscheidende Rolle“, bemerkt der Direktor des russischen Gymnasiums in Kiviõli Arne Piirimägi.

Die Arbeitsgruppe merkt an, dass es notwendig ist, ausserschulische Kommunikation mit den Trägern der estnischen Sprache zu entwickeln, denn das ist ein Faktor, der das Erlernen der Sprache begünstigt.

Die Schulen sollen für die Ergebnisse der Ausbildung verantwortlich sein

Häufig erfüllen die Schulen zu pflichtbewusst den Übergang auf die estnische Unterrichtssprache in dem Verhältnis 60:40, ohne genügend Ressourcen dafür zu haben. Das zeigt sich während des Unterrichts: vor der Schulklasse steht ein hilfloser Lehrer, der Stoff wird unqualifiziert beigebracht, sagen die Experten. Ihrer Meinung nach nutzt es niemandem, wenn das Fach in einem gebrochenem Estnisch unterrichtet wird. Die Schulen müssen für die Ergebnisse der Ausbildung verantwortlich sein, unabhängig von der Unterrichtssprache.

Laut der Meinung des stellvertretenden Direktors für Lehr- und Erziehungsarbeit des russischen Gymnasiums in Kohtla-Järve Ulvi Vilumets, sollte man den Schulen freie Hand geben und sie selbst auswählen lassen, welche Fächer sie auf Russisch und welche auf Estnisch unterrichten wollen, in Abhängigkeit von dem Sprachniveau der Lehrer und dem Vorhandensein von Lehrbüchern.

Ausserdem unterstrich Vilumets das Problem der niedrigen Anzahl der Lehrer, an den russischen Schulen, die estnische Muttersprachler sind, und die Notwendigkeit die estnische Lehrkräfte zusätzlich zu motivieren mit den russischen Kindern zu arbeiten.

Experten meinen, dass die Situation mit den schwachen Kenntnissen der estnischen Sprache zweisprachige Gymnasien und kurzfristige Programme zum Schüler- und Lehrertausch zwischen den russischen und estnischen Schulen lösen können.

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Bekannter estnisch-russischer Publizist Rodion Denissov kommentierte diesen Artikel.

Der Blitz schlug aus dem heiteren Himmel ein. Das Bildungsministerium hat teilweise anerkannt, dass der Übergang der russischen Schulen auf estnische Unterrichtssprache um jeden Preis, keinen Nutzen für die russisch-sprachigen Schüler hat. Werden aus dieser „Jahrhundertentdeckung“ die richtigen Schlüsse für die russischen Schulen gezogen?

Wahrscheinlich war die Situation mit der Ausbildung der russischen Schüler in Fächern in gebrochenen estnischen Sprache für niemanden ein Geheimnis, doch bis jetzt gehörte es sich nicht, darüber öffentlich zu sprechen. Ausserdem musste man die Politik „Der Partei und der Regierung“ erfüllen. Und das tat man auch, ausgehend aus der persönlichen Verdorbenheit bestimmter Beamten und Schuldirektoren. Die Kinder beherrschten nicht die Grundfächer auf dem erforderlichen Level, der Fluchtgeschwindigkeit der Lehrkräfte wuchs, doch die Schulen berichteten über die Einführung von immer neuen Fächern auf Estnisch. Doch, trotz allen Bemühungen erhöhte sich der reale Wissensstand der estnischen Sprache bei den russischen Schülern nicht? Was es der Mühe wert?

Auf eigener Haut

Als ein Elternteil von meinem Sohn, der Schüler ist, bekam ich sämtliche Freuden des Experimentierens mit der Unterrichtssprache hautnah mit.

Zuerst hat man den Schülern der Grundschule vorgeschlagen die Regeln der technischen Arbeitssicherheit im Werkunterricht auf Estnisch zu lernen. In der nächsten Klasse mussten sie das unsterbliche Werk der modernen estnischen Klassik „Kaka ja Kevad“ („Frühling und Scheißhaufen“) detailliert wiedergeben.

Schon in der Grundschule hat man den Schülern im Fach „Menschenkunde“ ein Lehrbuch und ein Arbeitsheft komplett in Estnisch gegeben und sagte: „Kommt damit zurecht, wie ihr wollt! Alle Beschwerden - direkt ins Ministerium!“ Dazu noch ein Arbeitsheft für Erdkunde, auch komplett in Estnisch. Dazu alle Erläuterungen und das Wörterbuch im Lehrbuch für Englisch, wieder in der Staatssprache.

Im Ergebnis haben die Eltern (diejenigen, die wenigsten etwas Estnisch beherrschen) abends eine nützliche Beschäftigung, sie übersetzen nach ihren Möglichkeiten für ihre Kinder die Texte aus den Lehrbüchern und die Aufgaben aus den Arbeitsheften. Die Kinder und die Heranwachsenden sind nicht in der Lage komplizierte Texte in fremden Sprache zu lesen. Man hat das Gefühl, dass das Ministerium auf diese Weise ausser dem eigentlichen politischen Problem, noch gleichzeitig einige andere lösen möchte, endlich die russisch-sprachigen Erwachsenen mit den Schülern zwingen abends die Staatssprache zu lernen, als auch die Ausgaben für die Übersetzung der Schulbüchern ins Russisch zu sparen.

Im Prinzip habe ich nichts gegen das Lernen von Fachwörtern in Estnisch. Davon dass der Schüler wissen wird, dass ein Hammer haamer, der Regenbogen vikerkaar und das Herz süda heisst, gibt es nur Nutzen. Doch muss jede bilinguale Ausbildung einer ausgearbeiteten Methodik folgen, die es an den Schulen nicht gibt. Genauer gesagt es gibt welche, doch entweder nicht ausgearbeitet oder zusammengesetzt aus persönlichen Vorstellungen von konkreten Lehrkräften.

Die Freizeit der Eltern ist ausgefüllt

So kommt es dann, dass der russisch-sprachiger Lehrer während des Unterrichts vor russischen Schülern sich in der estnischen Sprache eins abbricht, oder der estnische Lehrer „in die Leere“ spricht, während die nichtsverstehenden Schüler ihren persönlichen Beschäftigungen nachgehen. Abends bringen die Eltern (diejenigen, die wirklich ihren Kindern gute Ausbildung geben wollen) die fehlenden Kenntnisse aus der Schule bei, dabei mit Wörterbüchern und Nachschlagewerken bewaffnet. Mein Sohn hatte Glück, ich spreche frei Estnisch und habe sogar einen pädagogischen Diplom, doch was sollen die Kinder von Verkäufern, Schweissern und Schustern machen? Ja und warum müssen die Eltern sich mit dem beschäftigen, was die Schule nicht in der Lage zu geben ist? Letztendlich macht für uns niemand die Arbeit, die wir an unserem Arbeitsplatz erledigen sollen.

In der vorhandenen Situation gibt es noch ein nicht unwichtiger Aspekt, über den nicht alle bescheid wissen: wenn im Gymnasium die Proporz des Unterrichts in estnischen und russischen Sprachen vom Gesetz her streng vorgegeben sind, in der Grundschulen gibt es diese Regelung nicht. So sind alle Experimente mit dem Übergang der Fächer auf Estnisch für die Schüler der 1-9 Klassen, eine private Initiative der Schulen, die vom Ministerium zusätzliche Finanzierung bekommen wollen.

Ich bitte mich richtig zu verstehen. Ich trete nicht gegen das Erlernen der estnischen Sprache auf. Das wird kein normerdenkender Mensch in Estland tun. Man muss Estnisch können und man muss es gut können. Doch die Sprache wird nicht verständlicher, wenn man gedankenlos die Regeln des Feuerschutzes oder Benutzeranleitung für Staubsauger auswendig lernt. Für das Erlernen der Sprache braucht man bewährte Lehrmethoden plus gut motivierte Lehrer der estnischen Sprache. Ich würde mir sehr wünschen, wenn man es auch auf dem höchsten Staatslevel verstehen würde.

Sonntag, August 31, 2014

Über die Mitarbeiter des Military Shops

Folgender Artikel ist eine Übersetzung diesen Artikels von Boris Rozhin aka Colonel Cassad. Boris berichtet aus Sevastopol, ist glühender Anhänger Russlands und der Aufständischen in Donezk und Luhansk. Wenn man die ganze ideologische Komponente weglässt und alle Zahlenangaben durch fünf bis zehn teilt, hat man eine gute Übersicht, was genau in der Ostukraine passiert. Laut Angaben von Boris hat sein Blog schon eine Million Zugriffe / Tag geknackt, so (wenn man ihm denn glaubt) dass er schon eine recht bedeutende Stimme im Informationskrieg darstellt. Ich übersetze genau diesen Artikel, damit die russische Art Politik zu machen, deutlicher wird, es bedeutet nicht, dass ich diese Ansichten in irgendeiner Art teile, befürworte oder unterstütze.

In der letzten Woche vor dem Hintergrund des systematischen Geschreis der Junta (also der Regierung in Kiew (Anm. des Übersetzers)), dass sie nicht gegen Aufständische sondern gegen die russländische Armee kämpft, aktivierten sich Bürger mit Verständnisschwierigkeiten, die folgende Standardfragen stellen: „Sagt denn die Junta die Wahrheit?“, „Woher kommen denn die T-90 (Panzer, die nur russländische Armee verwendet (Anm. des Übersetzers))?“ „Woher sind die BTR 82-A (gepanzerte Fahrzeuge, die auch nur von russländischen Armee verwendet werden (Anm. des Übersetzers)). „Woher kommen die neuen Granatwerfer?“ „Wen zeigen die Faschisten (also die ukrainische Armee (Anm. des Übersetzers“)) in ihren Videos?“

Eigentlich sollte die Erfahrung der Operation auf der Krim, als die russländische militärische Teilnahme vom 26. Februar an offensichtlich war, doch offiziell bis Mitte März verneint wurde, helfen das Verhalten der Russischen Föderation (RF) in dieser Frage zu verstehen. Damals war es genau dasselbe, die Faschisten haben genauso Videos gedreht, wo sie zu zeigen versuchten, dass man irgendjemanden festgenommen hat (dabei wurden Pässe und Militärausweise in die Kameras gehalten), behaupteten steif und fest, dass solche Waffen und Uniformen nicht in Military Shops verkauft (das bezieht sich auf die Aussage von Putin, dass die maskierten Kämpfer auf der Krim ihre Ausrüstung in „Military Shops“ zusammengekauft haben könnten (Anm. des Übersetzers)), dass es auf der Krim nicht so viele Aufständische geben kann, dass sie unmöglich „Tiger“ (modernes Sturmgewehr (Anm. des Übersetzers)) und andere moderne Schießwaffen im Besitz haben können. Die Junta zeterte darüber den ganzen Frühling lang. Auf das Geschrei gab es als einzige Reaktion von der offiziellen Seite folgende Aussage: „Es gibt keine russländische Soldaten dort, eure Beweise könnt ihr euch sonst wohin stecken.“ Als die Situation sich geklärt hat, trat Putin auf und sagte, dass es durchaus Soldaten dort gab. Doch es geschah genau dann, als es keine wirkliche Folgen für die Operation mehr hatte.

Ich hätte schon am Tag des Einmarsches der Armee in die Krim im Blog schreiben können, dass die russischen Spezialkräfte tätig sind, ich könnte sogar die Nummer der 91-sten Brigade des GRU GSt RF (GRU = Russischer Militärnachrichtendienst (Anm. des Übersetzers)) benennen, doch es war offiziel nicht anerkannt, solche Kräfte gibt es dort nicht. So sind die Spielregeln. Trotz was man in den Blogs schreibt, oder was die Junta beweist. Das ist so eine spezielle Form des postindustriellen Krieges, die man „hybrid“ nennt. Eine aktive Teilnahme, bei offiziellen Position „uns gibt es dort nicht“, oder „ihr träumt nur von mir“. Es ist seltsam, dass in den vergangenen Kriegsmonaten man dieses Format nicht verstanden hat, obwohl es recht offensichtlich ist. Der sobezeichneter „Military Shop“ ist keine Redewendung. Er kann „handeln“ sowohl aktiv, als auch weniger aktiv, in Abhängigkeit von innenpolitischen Verhandlungen, die mit Strelkov (einer der Kommandeure auf der russischen Seite, der beste Verbindungen in die russische Politik hat (Anm. des Übersetzers)) oder Achmetov (Rinat Achmetov, der reichste Oligarch in der Ukraine, der viele seine Besitztümer in Donezk hat (Anm. des Übersetzers)) zusammenhängen, doch der Fakt seiner Existenz ist für alle offensichtlich, die mehr oder weniger mit dem realen und nicht mit den TV-Bild der Krieges in Donbas vertraut sind. Natürlich werden viele, die mit dem realen Bild vertraut sind, trotzdem schreiben, dass es „keinen Military Shop gibt“. Das ist eine mögliche Position, die die offizielle Linie in dieser Frage unterstützt. Wenn es offiziell nichts gibt, dass gibt es wirklich nichts. Doch tatsächlich ist das, was in die Presse durchsickert, nur ein kleiner Teil des Gesamtbildes, das groß und interessant ist, doch über das zu sprechen noch zu früh ist, um das Gesamtziel nicht zu beschädigen. Offiziell gibt es nichts, doch nach dem Ende des Krieges könnte es sich herausstellen dass es etwas gab und gibt. Wenn alles zu unseren Gunsten enden, und jede taktische Bedeutung verlieren wird, werde ich einige Einzelheiten der anderen Seite des Krieges in Donbas als eigene Artikelserie veröffentlichen.

Ich habe nie verschwiegen, dass es den „Military Shop“ gibt und es gibt ihn tatsächlich (genau deswegen habe ich nie geschrieben, dass RF Donbas komplett aufgegeben hat), er vergibt verschiedene Volumina von militär-materiellen Hilfe an die kämpfenden Einheiten, was vom Willen denjenigen abhängig ist, die diese Volumina organisiert und verwaltet. Seit einiger Zeit begann in „Military Shop“ der Sommerschlussverkauf und Ausgabe von Bonuskärtchen, was keinesfalls die offizielle Linie „Hier gibt es und gab es nichts“ stört. Im Internet kann man alles mögliche beweisen, die Diplomaten werden weiterhin in „Pingpong“ spielen, das wochen- und monatelang dauern kann. Es gibt bestimmte Arbeit und es gibt ihre informationelle und diplomatische Deckung. Genauso wie es auf der Krim war. Weil das Spielchen weitergeht und von allen Seiten angenommen wird (eigentlich sollten die Schattenmänner der Junta schon genügend Beweise der Tätigkeit des „Military Shops“ haben, doch treten sie stetig auf derselben Stelle im Stil von „Das konnten die Aufständischen nun wirklich nicht besitzen“ und bekommen die Standardantwort im Stil „Was wissen wir denn was da wo aufgenommen wird und was die Aufständischen so alles haben, ihr habt keine Beweise“. Weil das Schema zyklisch ist, kann sie weiterhin so gehen, bis zu Einnahme von Kiew oder sogar von Lwow, Lawrow (der russische Aussenminister (Anm. des Übersetzers)) tritt an die Mikrophone und verkündet, dass Russland an nichts teilnimmt. Offiziell wird es so sein. Doch was irgendein Blogger oder Kommentator geschrieben hat, das ist eine private Einzelmeinung. Und versucht mal zu sagen, dass dieses Schema nicht funktioniert.

Der Sinn aller dieser Streitereien besteht darin, dass die Konfliktseiten ausser im realen Krieg, auch um das Erschaffen eines Informationsbildes kämpfen, damit die Situation eine offizielle Neubewertung bekommt und damit Russland irgendwelche Fakten der Teilnahme am Krieg in Donbas einräumt (und zwar jetzt und nicht später, wenn es keine Rolle mehr spielt).

Deswegen ist es nicht wichtig, welche Beweise, ob reale oder fiktive, von der Junta präsentiert werden, sie werden in jedem Fall verneint, denn so sind die Spielregeln. Wenn diese einfache Tatsache Ihnen klar wird, dann werden Sie die nächsten „Enthüllungen“ der Junta umso weniger interessieren. Man braucht ihnen keine Aufmerksamkeit zu schenken, denn sie werden vom Feind präsentiert, gegen den ein Krieg um seine Vernichtung geführt wird. Angesichts der einsetzenden Angriffsoperationen Richtung südlich von Donezk ist das sowieso eine unwichtige Frage, denn die Katastrophe des südlichen Gruppierung der Kämpfer der Junta tritt viel schneller ein, als jegliche „Beweise des Eindringens Russlands“ irgendwelche Folgen haben werden.

Was die „Mitarbeiter des Military Shops“ angeht, deren Anwesenheit die Junta zu beweisen versucht, offiziell sind sie natürlich nicht dort. Und offiziell wird es sie dort auch nicht geben. Ich denke jetzt haben Sie alles verstanden und werden keine dumme Fragen mehr stellen.

PS: Eins habe ich ganz vergessen, die USA nehmen an den Geschehnissen mit ähnlichem Schema teil.

Mittwoch, August 27, 2014

Eine Fahrt quer durch Estland

Eigentlich hatte ich keine Pläne dieses Jahr nach Estland zu fahren. Doch nachdem meine Freundin einen zweiwöchigen Estnisch-Sprachkurs in Tartu gebucht hat, habe ich ihr versprochen sie dort zu besuchen. In Tartu war ich mal als Kind, aber dort studierte mein Vater und meine Mutter hat auch gute Erinnerungen an diese Stadt, deswegen war ich gespannt, was mich dort erwartet. Natürlich kam ich nicht umhin Verwandte und Bekannte in Tallinn zu besuchen, das Wochenende nach dem Sprachkurs wollten wir am Meer verbringen, deswegen buchten wir noch zwei Übernachtungen in Pärnu.

Es ist gar nicht so einfach einen guten Flug von München nach Tallinn zu buchen. Direktflüge gibt es schon mal nicht. Air Baltic fliegt von München nach Riga, aber dann dauert der Aufenthalt bis zum Weiterflug nach Tallinn recht lange. Opodo hat dann eine Fluggesellschaft mit dem Kürzel LTU empfohlen, die über Vilnius fliegt, mit einem recht kurzem Aufenthalt dort. Jedem Deutschen, der schon mal nach Malle geflogen ist, müsste LTU ein Begriff sein. Jetzt kommt aber der Hacken, LTU als Charterfluggesellschaft ist längst von Air Berlin übernommen worden. Seitdem steht LTU für Air Lithuanica, einer litauischen Fluggesellschaft, die aus den Trümmern der staatlichen FlyLAL hervorgegangen war. Die Fluggesellschaft besteht aus zwei Flugzeugen, eins davon ist geleast.

Am Münchner Flughafen steige ich in den Bus und werde zum einzigen Propellerflugzeug am ganzen Flughafen gefahren.

Wie es aussieht ist dieses Flugzeug auch nur geleast, denn die Anleitungen über die Ausstiegslücken sind auf Englisch und Niederländisch, von Litauisch keine Spur. Nach einigen Stunden Flug kommen wir in Vilnius an, steigen in den Bus und fahren zum Flughafengebäude. Dort warten wir eine halbe Stunde, steigen in den Bus und fahren zum selben Flugzeug zurück, der weiter nach Tallinn fliegt.

Im Tallinn angekommen meine ich im falschen Land gelandet zu sein. Es ist eine tropische Hitze in der Stadt, das T-Shirt klebt momentan und man möchte sofort an Strand. Genauso verbringe ich die nächsten zwei Tage mit unterschiedlicher Begleitung, am Strand von Pirita, im knietiefen warmen Ostsee, mit Kindern von meinen Freunden spielend. Nach mehreren Wochen Hitze sind sie schon zu faul, um ständig zum Strand fahren zu müssen, aber wegen mir lassen sie sich erweichen.Abends gehe ich in Vanna Villem Pub. Eine sehr schöne Einrichtung, eigenes Bier, kann ich nur empfehlen.

Eine Warnung muss ich doch noch aussprechen. Es ist zwar sehr günstig in der Stadt sich im Taxi fortzubewegen, aber es gibt schwarze Schafe, die auch noch in schwarzen Taxis fahren, die damit rechnen, dass die Touristen nicht auf das vorgeschriebene Schild mit dem Grundpreis und Kilometerpreis achten. Wenn der Zähler dann in zehnsekunden-Takt rattert, ist es zum Ausstieg zu spät. Also Vorsicht!

Nach zwei Tagen Tallinn setze ich mich in den neuen E-Zug von Elron und fahre nach Tartu. Die Züge sind auf jeden Fall viel bequemer als die alten Elektritschkas, man hat zeitweise Internet und fährt recht zügig durch die estnische Landschaft. Nach zwei einhalb Stunden bin ich in Tartu.

Tartu ist die zweitgrößte Stadt in Estland und viel estnischer als Tallinn. Hier hört man kaum andere Sprachen als Estnisch, auch die Studenten aus dem Ausland versuchen soweit man sie lässt Estnisch zu sprechen. Sogar im russischen Restaurant versteht man kein Russisch. Während Tallinn fest in Hand von der Zentrumspartei ist, regieren in Tartu Reformisten und die Nationalisten von IRL.

Als erstes bekomme ich eine Stadtführung und wir gehen auf den Domberg, mit dem halbverfallenem Dom, in dem jetzt das Universitätsmuseum untergebracht ist.

Ausserdem ist dort eine alte Sternwarte zu sehen, die vom Astronomen Friedrich Georg Wilhelm von Struve erbaut wurde.

Ein berühmter Sohn der Stadt ist Forscher und Entdecker Karl Ernst von Baer, der unter anderem die menschliche Eizelle entdeckte.

Wir steigen den Domberghügel runter und gehen am Denkmal für den estnischen Schriftsteller Eduard Vilde und dem irischen Literat Oscar Wilde vorbei. Die beiden sind sich mit hoher Sicherheit nie begegnet, aber als Scherz wurde dieser Denkmal aufgestellt.

Die Altstadt von Tartu ist leider im viel schlechterem Zustand als in Tallinn. Viele Häuser sind nicht renoviert, die Strassen sind uneben, woran es liegt kann ich nur vermuten. Vielleicht kommen nicht so viele Touristen nach Tartu, wie nach Tallinn und die, die kommen sind eher an der Uni interessiert, als am Stadtbummel. Dementsprechend wenig Shops für Touristen gibt es hier, einige Cafés, wo es richtig lange dauert bis man bedient wird. Ein Café sollte man allerdings aufgesucht haben, es heißt „Werner“ und ist eine Tartuer Institution, ähnlich wie die Cafehäuser in Wien. Es gibt sehr gute Kuchen und warme Salate.

Es gibt aber auch schöne Wände, die mit geschichtlichen Motiven bemalt sind.

Ein Denkmal ist dem russischen General Barclay de Tolly gewidmet, dem Helden der Borodino Schlacht gegen Napoleon.


Die Verbindung zu Tartu ist nicht ganz klar, denn er ist in Livland geboren und in Preußen gestorben.

Das schiefe Haus ist das Tartuer Kunstmuseum. Es gibt noch viele andere Museen, wie Museum für Sport oder das Postmuseum.

Daneben steht ein Denkmal den estnischen Landfrauen.

Und ein bisschen weiter weg, den estnischen Vätern und Söhnen.

Bald kommt man zum Uni-Gebäude.

Die Universität von Tartu wurde 1632 vom König Gustav II. Adolf von Schweden gegründet. Der erste Rektor war Johan Skytte.

Die Universität wurde während des 21-jährigen Krieges zwischen Russland und Schweden 1710 geschlossen und war nach der Wiedergründung 1802 die einzige deutschsprachige Universität im Zarenreich. Es gab viele herausragende Wissenschaftler an der Universität, aber ein Nobelpreis blieb bisher der Tartuer Universität verwehrt, lediglich der Chemiker Wilhelm Ostwald hatte seine Alma Mater hier. Heute ist die Universität von Tartu die größte und bekannteste estnische Universität, der größte Arbeitgeber der Stadt Tartu und ohne die Uni wäre Tartu sehr ruhig. Die küssenden Studenten sind folgerichtig auch das Wahrzeichen der Stadt Tartu.

Abends ist die Rüütli-Straße fest in den Händen von Studenten, die in den zahllosen Kneipen Bier kaufen und auf der Strasse trinken.

Recht freche Graffitis zeigen den Geist der Jugend, die hier herrscht.

1920 spielte Tartu eine wichtige Rolle in der Geschichte. Am 2. Februar erkannten sich die Estnische Republik und die Sowjetunion gegenseitig an (es gibt noch einen Friedensvertrag von Tartu zwischen Sowjetunion und Finnland, der wurde aber am 14. Oktober 1920 geschlossen, also nicht verwechseln). Wichtig ist der Tartuer Vertrag, weil Estland und Sowjetunion die ersten Staaten waren, die jeweils den anderen anerkannt haben. Für das heutige Russland ist dieser Vertrag nur noch eine historische Kuriosität, der spätestens seit 1940 nicht mehr gilt, doch die Esten verteidigen die Gültigkeit dieses Vertrages mit Klauen und Zähnen, denn die dort ausgewiesenen Grenzen verlaufen etwas anders als heute, ca 5% des damaligen estnischen Territoriums gehören zu Russland. Deswegen gibt es bis heute keinen gültigen Grenzvertrag zwischen Russland und Estland, trotz der NATO-Mitlgliedschaft und Schengen. In diesem Gebäude wurde der Vertrag unterschrieben.

Wenn man von der Altstadt einige Meter weitergeht, geht das neue Tartu los. Riesige Einkaufszentren und Wolkenkratzer für die schrumpfende Bevölkerung und nicht unbedingt reiche Studenten.

Das neue Wahrzeichen von Tartu trägt den Namen „Die Schnecke“

Beim Spazierengehen entdecke ich den Friedhof von Tartu, wo viele Berühmtheiten begraben sind.

Der Friedhof sieht sehr malerisch aus, mit vielen Bäumen. Es gibt deutsche, russische, estnische Gräber, die Geschichte der Stadt spiegelt sich hier wieder.

Hier ist das Grab von Eizellen-Entdecker Baer.

Und hier von Friedrich Kreutzwald, dem die Esten ihr Nationalepos Kalevipoeg verdanken.

Das ist das Grab von Jüri Lotman, dem Begründer der Semiotik, also der Lehre vom Gebrauch von Zeichen. Lotman war der berühmteste Wissenschaftler der Tartuer Uni im 20. Jahrhundert zumindest im russisch-sprachigen Raum, doch auch im Ausland war er recht bekannt. Mein Vater hatte Vorlesungen von Lotman besucht und sprach immer voller Verehrung von ihm.

Die Stadt Tartu hat auch ein Denkmal für Lotman aufgestellt, angeblich war das ein Selbstporträt.

Tartu liegt am Fluss Emajõgi, also dem Mutterfluss. Früher ging die Wasserstrasse bis nach Pärnu an der Ostsee im Westen und zum Peipussee im Osten, was für die Hansa-Händler sehr attraktiv war, denn so konnten sie mit ihren Schiffen bis zu den russischen Städten schippern. Doch im Laufe der Zeit änderten die Flüsse ihre Richtung und die Strasse wurde unterbrochen. Seitdem schippern nur kleinere Schiffe durch Emajõgi, die größeren würden wegen den Brücken gar nicht drunterpassen.

Am Stadtstrand von Tartu ist kein Mensch, es weht eine rote Fahne und die Lebensretter mit von David Hasselhoff inspirierten Shorts fahren mit dem Bötchen umher, aber kaum jemanden zieht es ins Wasser. Nachdem wir trotzdem gebadet haben, fragen wir was auf dem Schild unter der roten Fahne geschrieben steht. Es stellt sich heraus, dass es zu viele Koli-Bakterien im Fluss sind, so dass das Baden nicht empfohlen wird. Aber wir haben ja eine Dusche im Wohnheim.

Am letzten Tag gehe ich in Ahhaa-Science Centrum in Tartu und bin absolut begeistert. Alle Exponate können berührt und betätigt werden. Die Experimente sind viel interessanter und moderner als im Deutschen Museum. Die Ausstellung im Erdgeschoss beschäftigt sich mit physikalischen Effekten und Meereskunde.


So sehen die kleinen Kinder die Welt


Das gemeine an dem Tunnel ist, dass die Brücke fest ist, aber die Ziegelwand sich dreht. Dadurch spielt das Gehirn verrückt und man wackelt auf der Brücke


Ein paar Ernährungstipps, es wird visualisiert welche Lebensmittel in welchen Mengen man pro Tag einnehmen kann, um auf die benötigten Kalorien zu kommen


Ein Spiegellabyrinth


Ein Sandkasten mit projizierter Höhenkarte, die sich dynamisch ändert, wenn man ein Loch gegraben, oder ein Berg aufgeschüttet hat. Genial!


Optischer Trick, das Wasser ist nicht im Raum, sondern in einer dünnen Schicht oberhalb des Raumes


Skelette von Giraffen, Pferden und anderen Tieren


Ein selbsterzeugter Wasserstrudel


Ein Ball schwebt im Raum und plustert sich gelegentlich auf. Was das für ein Experiment sein soll, habe ich vergessen


Hier kann man sich alá Münchhausen selbst nach oben ziehen

Im zweiten Stock erscheint zuerst ein kleines Schild, dass die Kinder unter 12 mit Eltern sich die Ausstellung anschauen sollten. Nichts ahnend ging ich weiter und fand mich inmitten von konservierten Babymonstern wieder. Die medizinische Ausstellung der Tartuer Uni ist hierher gezogen.

Hunger hatte ich erstmal keinen mehr.

Am nächsten Tag fahren wir mit dem Bus nach Pärnu. Pärnu kannte ich noch aus meiner Kindheit, als wir dort mit der Familie in einem sozialistischen Sanatorium unsere Wehwehchen auskurierten. An den Strand und an das Haus mit Schlammverpackungen kann ich mich gut erinnern, aber an die Altstadt überhaupt nicht. Vielleicht war damals da einfach nichts zu sehen? Die heutige Altstadt ist aufgehübscht, es flanieren Touristen aus allen möglichen Ländern vorbei, die im Gegensatz zu Tartu auch in ihren Muttersprachen sprechen. Es gibt viele hübsche Cafés, besonders hervorheben möchte ich „Supelsaksad“, also den Schwimmenden Deutschen, schnelle hübsche Bedienung, die versucht auch einem Estnisch zu antworten, wenn man sie auf Estnisch was fragt, sehr gutes Essen, vielleicht etwas über dem normalen Preisniveau und hübsches Interieur innen und aussen.

Aber das wichtigste am Pärnu ist der Strand und das Meer. Im Sommer wird Pärnu zu Sommerhauptstadt Estlands gekrönt, morgens gibt es eine Fernsehsendung Suvireporter also Sommerreporter aus Pärnu, in der sich eine blonde Wetterfee in Bikini auf einem Stein räkelnd wiedermal 30 Grad für Estland verkündet.


So leer ist es nur am frühen Morgen, oder direkt nach einem Regenschauer

Sanatorien gibt es in Pärnu mehr denn je, allerdings mehr für den zahlenden Gast aus dem Ausland, der sich die Schlammpackungen in der renovierten Heilanstalt auf den schmerzenden Büronacken legen lässt.

Wie an jedem Strand versammelt sich abends die Partycrowd zum Feiern. Es ist erstaunlich wie neben anderen Sprachen hier Russisch gesprochen wird. Mir ist nicht klar, woher sie kommen, sind es Einheimische, machen Tallinner hier Urlaub, oder kommen sie aus Pskov und anderen Teilen Russlands? Wenn man keine Party möchte, geht man im Mondlicht am Strand spazieren.

Pärnu liegt an der Mündung des Flusses Pärnu. Damit es schiffbar bleibt und nicht von Sänden zugeschüttet wird, wurden noch zur Zarenzeit zwei Molen gebaut, die man begehen kann. Am Ende der Molen stehen Leuchttürme, die die Einfahrt zum Hafen markieren. Man sagt, dass die Liebenden am Ende der Mole sich küssen und ewige Treue schwören sollen, dann hält es auch

Dieser Seemann verabschiedet uns aus Pärnu. Wir nehmen den Bus nach Tallinn und fliegen wieder mit der Propellermaschine von Tallinn über Vilnius nach Berlin.

Tschüss, Estland, bis zum nächsten Mal!