Sonntag, November 14, 2010

Etwas zu viel Patriotismus

im Juli nächsten Jahres wird in Tallinn der XI Sängerfest der Jugend im Rahmen des Programms Tallinn - die europäische Kulturhauptstadt stattfinden.

Doch auch bei solchen eher unverdächtigen Feiern kann es zu einem Skandal kommen. Die Eltern von 6-8 jährigen Kindern haben das Liederbuch ihrer Kinder "Laulud mudilaskooridele" zu Gesicht bekommen und prompt hagelte es Beschwerden. Der Stein des Anstosses was folgendes Lied "Mu suul ei ole sulgejat" was man mit "In meinem Mund gibt es kein Knebel" übersetzen kann.

Die Übersetzung ist ungefähr die folgende:

Damit unsere Sache getan wird,
damit die Verabschiedungen höflich begangen werden,
damit Kriegswägen wegfahren,
damit Kommandeure verschwinden,
damit Spione an der Ecke traurig werden
und Verräter Schluckauf bekommen

In meinem Mund gibt es keinen Knebel
Meine Zunge ist nicht gefangen

Wenn endlich die Sache getan wird,
der Kriegsbeil begraben wird,
wenn die Armee nach Hause wegfährt,
und die "Roten" Urlaub nehmen werden,
dann kann die estnische Zeit beginnen,
Doch vergiss nicht (2x).

In meinem Mund gibt es keinen Knebel ...

Es haben sich auch russische Schulen zum Sängerfest angemeldet, so dass auch russisch-sprachige Eltern gesehen haben, was ihre Kinder singen werden. Man braucht sich also nicht zu wundern, warum viele Eltern ihre Kinder lieber nicht in estnische Schulen schicken, sonst laufen sie der Gefahr von ihren eigenen Kindern als Okkupanten beschimpft zu werden.

Kommentare:

Eva hat gesagt…

Daran kann doch nur jemand Anstoß nehmen, der immer noch "russisch" und "sowjetisch" in einen Topf wirft. Es gab zur Zeit der Republikgründung 1918 eine russische Minderheit in Estland, die ebenso wie die Deutschen als Staatsbürger Estlands dort lebte. Meine Eltern sprachen ganz selbstverständlich alle drei Sprachen. Man hatte zwar keinen gesellschaftlichen Verkehr, aber man handelte, sprach die Sprache des anderen und hatte nichts gegen einander. Wenn die estländischen Russen bereit wären, die Landessprache zu lernen und sich nicht mit der sowjetischen Vergangenheit zu identifizieren, sondern sie endlich kritisch sehen würden, dann wäre ein solches Lied doch wohl kein Problem. Im Gegenteil, ich finde es gar nicht schlecht, daß auf diese Weise die russischen Kinder die Befindlichkeit der Esten zur Kenntnis nehmen.

kloty hat gesagt…

Hallo Eva,

sprichst Du denn selbstverstaendlich alle drei Sprachen? Oder Deine Kinder?

kloty hat gesagt…

Und was ist mit Befindlichkeiten der Russen? Wie waere es wenn estnische Kinder auf Russisch ein Lied singen wuerden, um zu zeigen, dass die russisch-sprachige Minderheit in Estland akzeptiert ist?