Donnerstag, April 10, 2014

Memorandum 14

Wir, die Unterschreiber, sind Einwohner Estlands, Bürger der Estnischen Republik, als auch Staatsangehörige der anderen Länder und Staatenlose, die ständig hier leben. Wir beobachten mit Schmerz und Sorge die Geschehnisse in der Ukraine.

Wir wollen verantwortungsvoll verkünden, dass alle Probleme in der Gesellschaft Estlands, wir mit den gesetzlichen Vertretern der Regierung der Estnischen Republik gemeinsam lösen wollen. Man muss uns nicht von aussen verteidigen, wir halten die Einmischung von aussen durch Drittländer in die Innenpolitik Estlands für unzulässig. Wir unterstützen keine separatistischen Stimmungen und Verkündungen, die im Namen der russisch-sprachigen Gemeinde Estlands gemacht werden. Alle Fragen, die die Entwicklung unserer Gesellschaft angehen, auch Bildungspolitik, Staatsangehörigkeit und Sprache müssen ausgehend von der Souverenität des Staates gelöst werden.

Die Mehrheit derjenigen, die hier leben, unabhängig von der Muttersprache und Nationalität, betrachtet Estland als seine Heimat. Für uns ist der Fakt sehr wertvoll, dass obwohl wir im Leben auf verschiedenen Seiten der ideologischen Barrikaden stehen können, es trotzdem für eine Pflicht halten zu verkünden: Unser Haus ist ein unabhängiges und freies Estland!

Die Petition kann hier unterschrieben werden: http://petitsioon.ee/memorandum-14

Dienstag, März 25, 2014

Europe wants Estonia to accept more refugees

From bbn.ee

New figures show that Estonia has the least refugees among all EU member states. According to a new international report, Estonia also has the lowest number of asylum applicants and approvals, reports Eesti Päevaleht.

The report criticizes Estonia for its asylum policy and says that while Estonia is pledging to fight for human rights and democracy, it refuses to accept people who are forced to flee their home countries.

The report also said that living conditions of asylum applicants in Estonia were not up to standard.

Also UN is now putting pressure on Estonia to join the UN refugee relocation programmes and accept more refugees.

“We are not expecting Estonia to accept hundreds of refugees, but Estonia could in the near future offer protection to refugees the same way as Estonians were rescued when they had to leave their home country in the past,” said the UNHCR representative.

Commenting the issue, Foreign Minister Urmas Paet said that Estonia was not yet ready to join the global refugee relocation programme and it would not be reasonable.

“We are handling applicants who arrive in Estonia as the first country in Europe and apply for refugee status,” said Paet, adding that it would not be reasonable for Estonia to participate in the refugee relocation within Europe at present.

Paet said that Estonia was prepared to accept refugees from Ukraine if the situation in Crimea and Ukraine destabilizes.

Representatives of the European office of the UN High Commissioner of Refugees also criticized the Harku detention centre for housing criminals, people waiting for deportation and asylum seekers who are waiting for official decision to their application under one roof.

According to Commissioner Celia Malmström, it was usual that refugees are seeking to relocate to either wealthy countries that are nearby or countries which already have significant population of the nationality of the refugees.

One area where Estonia should change its regulation is allowing asylum applicants to work because at present they have no option but to remain in the centre and wait for the authorities to decide their fate.

While Greece, Portugal and Sweden allow asylum applicants to start working right away, Estonian authorities can issue the work permit within a year which is the maximum period allowed by EU for issuing a work permit for asylum applicant.

Since 2010, the number of asylum applicants in Estonia has been growing and totaled 97 people last year.

At the same time the number of people who were granted asylum has been decreasing and amounted to 7 applications last year.

Among others, eight Syrians applied for asylum in Estonia last year, but only one was accepted.

In comparison, Germany has 170,000 refugees and even Sweden has 92,000 refugees.

Montag, März 24, 2014

Bild der Woche

Überschrift auf Russisch: Photo und Video, der ukrainische Flughafen wird von lokalen Einwohnern gestürmt.

Überschrift auf Estnisch: Photo und Video, russische Soldaten besetzen zwei ukrainische Flughäfen

Sonntag, März 23, 2014

Politische Umwälzungen in Estland

Es gibt in Europa zur Zeit nur ein Thema, die Krim-Krise, deswegen gehen die politischen Umwälzungen, die in Estland zur Zeit passieren, selbst in Estland etwas unter, nichtsdestotrotz sind sie durchaus wegweisend für die Zukunft Estlands.

Mitte Februar erschienen in den estnischen Zeitungen die ersten Gerüchte über den bevorstehenden Rücktritt Andrus Ansips. Nach 10 Jahren Premierminister, was ein einsamer Rekord in den baltischen Ländern ist, wollte Ansip seinen Posten räumen. Am 24. Februar, dem Tag der estnischen Unabhängigkeit, bestätigte er bei einer Pressekonferenz die Gerüchte.

Schnell machten andere Gerüchte die Runde, der estnische Kommissar in der Europäischen Kommission Siim Kallas soll nach Estland zurückkehren und den Platz von Andrus Ansip einnehmen. Kallas kam nach Estland und begann gleich die bestehende Koalition aus der rechts-liberalen Reform-Partei und rechts-nationalistischen IRL aufzubrechen und fing Koalitionsgespräche mit den estnischen Sozialdemokraten an. Allerdings gab es in Estland immer wieder Gerüchte, dass Kallas, der in den 90-ern der Vorsitzende der estnischen Zentralbank war, eine nicht ganz saubere Weste hat, was seine Tätigkeit als Vorsitzender angeht. Es gab Geschichten über insgesamt 1,3 Mlrd. estnischer Kronen an Bürgschaften für undurchsichtige Geschäfte. Die Gerüchte wurden mit Dokumenten untermauert, die von Kallas unterschrieben wurden. Als er mit diesen Dokumenten konfrontiert wurde (rus, est) machte er keine gute Figur. Schliesslich beklagte er sich bei einer Pressekonferenz über die Presse, die ihm das Leben zur Hölle gemacht hat, sagte, dass er nicht aus Eisen sei und düste zurück nach Brüssel. Damit stand Estland ohne einen Premierminister da.

Was war der Grund für die geplante Rochade? Es gab keine akute Krise, allerdings wurde es langsam offensichtlich, dass die Regierung ideenlos war, der Wirtschaftswachstum 2013 betrug kümmerliche 0,7%, es gab mehrere ungelöste Probleme wie die de facto bankrotte Estonian Air, die ungelöste Streckenführung der Rail Baltica, auch häuften sich die Skandale mit Ministern (Lang, Michal) und hochrangigen Parteifunktionären (Ojuland). Das Volk wurde unzufrieden, das Experiment mit Rahvakogu war gescheitert. Bei den Kommunalwahlen wurde IRL die zweitstärkste Kraft nach den Zentristen, Reformisten wurden nur dritte. 2014 wird Europaparlament gewählt und 2015 das estnische Parlament und mit der alten Regierung waren die Aussichten auf Erfolg der Reformpartei nicht gerade rosig. Deswegen wurde beschlossen die Sozialdemokraten in die Regierung aufzunehmen und IRL auf die Oppositionsbank verweisen. Siim Kallas schien der geeignete Kandidat für eine links-liberale Regierung zu sein (wobei die estnischen Sozialdemokraten alles andere als links sind).

Der Plan ist also nicht aufgegangen und niemand von den offensichtlichen Kandidaten auf den Posten des Premierministers wie Paet oder Ligi, wollten sich zur Verfügung stellen. Deswegen hat Reformpartei den jetzigen Minister für Soziales Taavi Rõivas zum Kandidaten auf den Post des Premierministers berufen. Taavi Rõivas ist 1979 geboren, ist also erst 34 Jahre alt, hat dafür aber schon über 14 Jahre Politikererfahrung auf dem Buckel. Mit 20 wurde er schon zum Berater des Justizministers Mjart Rask, im Parlament ist er seit 2007, bei den Wahlen 2011 bekam er 6710 Stimme, was eines der besten Ergebnisse für die Reform-Partei war. Rõivas fuhr mit den Koalitionsgesprächen mit den Sozialdemokraten fort und bildete eine neue Regierung.

Sven Mikser, der Vorsitzende der Sozialdemokraten wird zum neuen Verteidigungsminister. In Zeiten der Ukraine-Krise sicher kein einfacher Job, es wäre zu wünschen, dass er ihn mit mehr Augenmass und weniger Hysterie erledigt, als der letzte Verteidigungsminister Reinsalu von IRL. Mikser war schon mal Verteidigungsminister 2002-2003. Ivari Padar, der frühere Finanzminister, wird Minister für Landwirtschaft, Urve Palo, die frühere Ministerin für Bevölkerung und Minderheiten, wird zur Wirtschaftsministerin und darf als erstes die Probleme rund um Estonian Air anpacken. Andres Anvelt wird Justizminister und Helmen Kütt Minister für Soziales. Und es gibt eine Premiere: Zum ersten Mal in der neueren Geschichte Estlands, also ab 1991 gibt es einen russischen Minister, der auch ein Ministerium unter sich hat (es gab mal einen russischen Minister für Bevölkerung, der aber keinem Ministerium vorstand). Es handelt sich um Jevgeni Ossinovski, der Minister für Bildung geworden ist.

Ossinovski ist eine recht streitbare Figur. Er ist Sohn vom einem russischen Geschäftsmann, einem der reichsten in Estland, der seinem Sohn eine gute Bildung ermöglichte und dessen Geld für den Wahlkampf verwendet wurde. Jevgeni ist Jahrgang 1986, also noch jünger als der künftige Premierminister und hat noch keine Reputation unter der russisch-sprachigen Bevölkerung aufbauen können. Deswegen waren die Kommentare zu seiner Ernennung etwas zwiespältig, einerseits freute man sich, dass endlich die Bastion gefallen ist und ein Russe Minister werden konnte, andererseits wartet man gespannt auf die Ergebnisse seiner Arbeit, denn gerade die russischen Schulen sind ein sehr heisses Eisen mit sehr viel Konfliktpotential. Ossinovski hat schon verkündet, dass er staatliche russische Gymnasien nach dem Vorbild des Deutschen oder Englischen Gymnasien aufbauen möchte, in die sowohl Russen, als auch Esten gehen können, um dort vertieft die russische Sprache zu lernen. Ob das die Gemüter auf beiden Seiten beruhigen wird, wird sich zeigen.

Was ändert sich in der estnischen Politik? Es kommt eine neue Generation von Politikern an die Macht. Sie sind bedeutend jünger, allerdings keine Frischlinge in der Politik, haben wohl neue Ideen, wissen aber auch, wie man sie durchsetzt. Es bleibt abzuwarten, ob das vom Wähler honoriert wird, der erste Test sind die Europawahlen im Mai. Die einzige Partei, die sich seit 20 Jahren nicht erneuert hat, sind die Zentristen, der Vorsitzende Savisaar, der Nashorn, hält die Zügel nach wie vor fest in der Hand. Gewissen Wählerschichten, wie Rentner, die Beständigkeit schätzen, mag es gefallen, die jüngere Generation wird sich eher den Parteien mit der verjüngerten Führung zuwenden. Es wird auch spannend, wie die Krimkrise auf die Wahlpreferenzen sich auswirkt, IRL fordert einen harten Kurs gegenüber Russland und bedient damit die Ressentiments und Ängste der Esten vor Wiederbesetzung durch die Russen. Savisaar fährt dagegen nach Moskau, die Zentristen haben die russländische Regierungspartei Einiges Russland nach wie vor als Partner, obwohl einige Mitglieder fordern, die Partnerschaft zu lösen. Falls die Krise sich bis 2015 verschärft, traue ich IRL durchaus zu die Parlamentswahlen zu gewinnen und den Falken Reinsalu als Premierminister zu installieren, mit Reformisten als Koalitionspartnern.

Der künftige Premierminister Taavi Rõivas

Der künftige Minister für Bildung und Forschung Jevgeni Ossinovski

Sonntag, März 16, 2014

Worte der Woche

Ich bin seit mehreren Jahren besorgt, dass es sehr schwierig ist, gute Leute zu finden, die zum Wohle Estlands dienen würden. Ich fragte und redete mit Leuten, als ich jemanden auf einen hohen Posten berufen musste, doch jedesmal wurde es schwieriger und schwieriger ... Ich weiss nicht, wie es mit Estland weitergehen soll. Ich kann mir nicht vorstellen, woher man gute Leute nehmen soll. Das ist alles was ich sagen kann. Danke!

Präsident Estlands Toomas Hendrik Ilves, als Reaktion auf die Entscheidung von Eurokommissar Siim Kallas wieder nach Brüssel zurückzukehren und nicht den Posten des Premier-Ministers anzunehmen. Siim Kallas wird verdächtigt in den 90er Jahren, als Präsident der Zentralbank Estlands millionenhohe Burgschaften für undurchsichtige Geschäfte vergeben zu haben, bei denen hohe Summen verschwanden. Als er bei Presseinterviews sich in Widersprüche verwickelt hat und die Herkunft von mehreren Dokumenten nicht erklären konnte, entschloss er sich lieber in Brüssel zu verweilen und Estland in eine politische Krise zu stürzen.

Sonntag, Februar 23, 2014

Worte der Woche

Die Esten, die 1944 gegen die Rote Armee kämpften, wussten gegen wen und was sie kämpfen. Sie kämpften, damit der kommunistische Terror, NKWD, Gulag und Genozid nicht zurückkehren. Doch diejenigen, die auf der anderen Seite kämpften, irrten sich was ihre Feinde angeht. Der Rotarmist dachte, dass er gegen Nazismus kämpft, gegen Hitler und Überlegenheit der Rasse, doch tatsächlich kämpfte er gegen das kleine Volk, das die Unabhängigkeit wiederherzustellen versuchte. Deutschland hat den Krieg 1944 praktisch verloren, 1944 kämpfte man in Estland nur für Estland, dafür, ob das Land in die UdSSR zurückkehrt oder mit der Unterstützung des Westens wenigstens eine Teilunabhängigkeit bekommt.

Lauri Vahtre, Parlamentsabgeordneter der IRL

Samstag, Februar 22, 2014

Ein Bericht aus der Ukraine

Dieser Bericht beschreibt meiner Meinung nach am besten, was in der Ukraine momentan passiert. Ich habe versucht den Stil des Berichtes beizubehalten, weiss nicht, ob es mir gelungen ist.

Ich denke, jetzt ist die Situation da, wenn alle sich im höllischen Schock vom Geschehenen befinden.

Zuallererst sie die Jungs aus der EU schockiert. Sie haben sich als super-duper Diplomaten ausgegeben, die sich dazu herabliessen mit dem unzivilisierten Barbarenführer eines Dritte-Welt Landes zu unterhalten, der in Schockstarre verfiel, als er die Glasperle „das Assozierungsabkommen“ abwartete, die ihm wohl den coolen Status „des Großen Eurointegrators“ in seiner Bananenrepublik einbringen wird, damit er die Wahlen 2015 gewinnen kann. Aus der Höhe ihren Diplomantenfluges, haben sie den Moment verpasst, als der Barbare sie plötzlich fickte, als er die Wahl für seine 46 Mio. Sklaven für den Orks-Mordor und nicht den Elfen-Valinor machte. Wegen der Höllenbürokratie und aus Nichtverständnis der ukrainischen Realität erlaubten sie einer anfangs friedlichen Situation zu einem fast-bürgerkriegsähnlichen Zustand sich zu entwickeln. Doch tatsächlich ist es für sie verdammt unnötig hier Scharen von Flüchtlingen, Terroranschläge, Panzer und andere Überraschungen zu haben, sie werden alles unternehmen, um das nicht zuzulassen, selbst wenn sie dabei den dämlichen Barbarenführer an der Macht lassen müssen. Doch das Problem ist, dass der Führer wohl komplett verrückt geworden ist. Jetzt muss man nicht nur auf die äußerst komplizierte Fragen der europäischen Fernsehzuschauer antworten, wie: „Warum zum Henker tragen ein Teil der Protestler Flaggen mit nationalsozialistischen Symbolik? Und wenn sie friedlich sind, warum zum Teufel werfen sie Molotov-Coctails auf die Cops?“ und „wollen die wirklich in die EU? Nehmen wir tatsächlich 46 Mio. dieser Barbaren auf?“, sondern sie müssen auch überzeugen, dass die Situation unter Kontrolle ist, und das niemand Terroranschläge auf die 5 ukrainische AKWs zulassen wird. Also das alte Weib Europa ist schockiert, so was hat sie seit Jugoslawien nicht mehr gesehen. Besonders schockiert sind der Euro-Kommissar Füle und Catharine Ashton, ihre diplomatische Karriere ist in Gefahr, denn die Wirksamkeit ihrer Arbeit ist sehr gering: Als Vertreter der EU könnte den Übergang von einer friedlichen Demo zum größten GAU auch ein arabischer Immigrant aus der Vorstadt von Marseille bewerkstelligen.

Die Führer der Opposition sind auch schockiert. Sie wollten die Energie des Maidan nutzen, um ihre persönlichen politischen Ambitionen zu befriedigen, doch ist alles so aufgeschaukelt worden, dass es komplett ausser Rand und Band geriet. Sie sind Politiker, keine Feldkommandeure, sie wissen gar nicht, was sie mit dem ganzen Drive anfangen sollen. Sie haben eine verdammt schwierige Aufgabe vor sich: einerseits müssen sie die feurigen Revoluzzer spielen, damit man sie auf den Barrikaden nicht zusammenschlägt und nicht von der Bühne runterschmeisst, auf der anderen Seite müssen sie dem Westen in den Taschentuch heulen, damit er an die absolut friedliche Natur des Protests glaubt, damit man sie nicht als Anführer von illegalen Banditenformierungen ansieht, sondern als Anführer einen legitimes Protests und man sie dann als Häuptlinge einsetzt, wenn alles vorbei ist. Bisher schaffen sie es schlecht: hier „Bullet in the head“, dort „haben uns um Frieden bemüht“. Daran, dass sie den Protest kontrollieren, glauben sie wahrscheinlich nicht mal selbst.

Selbst Janukovitch ist schockiert! Es ist alles so gut gelaufen, er kam aus den Tiefen in die Höhen, wurde einer der Könige in Donbas, überlebte das fürchterliche Jahr 2004, und dann hat er alle auf die Knie gezwungen, hat die ganze Familie versorgt, und als die Krönung des Erfolgs baute er sich ein abercooles Herrenhaus und stellte dort die Güldene Kloschüssel auf. Der Bub kam zum Totalen Erfolg! Mehr noch, 2015 hätte es für ihn gleich mehrere Varianten für den Wahlsieg gegeben, und dann könnte man die Erfahrung von Putin und Lukaschenko übernehmen, wie man endlos regiert. Doch die Gier hat den Wirt zugrundegerichtet: die herbstlichen Spielchen mit dem EU-Assozierungsabkommen mündeten in eine Katastrophe. Es gab mehrere Möglichkeiten alles runterzuspielen, doch der Papa machte ein paar falsche Züge, er hörte ständig auf seine „Falken“ und jetzt ist die Situation sehr beschissen. Was er jetzt tun soll, ist komplett unklar. Nach dem 18. Februar kann man die Situation in die Richtung „Ich bin ein schlechter Präsident, doch ich ziehe es durch bis zu den Wahlen 2015“ nicht mehr wenden, mit den Kräften von Berkut kann man alle nicht auseinandertreiben, und Putin geht er schon gehörig auf die Eier mit seiner Gier und Dummheit, auch kann die Hilfe von Putin zum Macht- und Geldverlust führen. Es bleibt die Chance die Republik Donbas mit der Hauptstadt in Jenakieve zu gründen, man könnte ohne Verzögerung mit dem Hubschrauber sich dorthin aus Kiev verdünnisieren, falls es hier zu heiss werden sollte. Doch wenn die Gründung nicht gelingt? Und wie kann man die Güldene Kloschüssel auf dem rechten Ufer des Dnjepr lassen? Man weiss es nicht… Und wenn man aus dem Land flüchten muss, dann wohin? Wer braucht ihn schon ohne Macht und Geld? Niemand… Und wenn man mich aufknöpft?!

Im Schock sind auch die „Falken“. Die Jungs dachten ehrlich, dass sie ein bisschen auf die Schilde klopfen können und alle rennen weg. Denn, verstehste, alle „richtige Kerle“, „krasse Jungs, die was zu entscheiden haben“, „verehrte Herren mit Verbindungen“ sind alle bekannt und scheinen die „Falken“ zu unterstützen und die ITler, Bauern und Studenten, das sind alles „volle Looser“. Und „Looser sein, das ist Schicksal“. Fuhren Berkut auf, die Verkehrspolizisten, den Geheimdienst, die Provokateure, Verbrecher, einfache zombierte Idioten, schickten sie zum Sturm. Einmal… nicht geklappt, zweimal… nicht geklappt, dreimal… nicht geklappt! Gehen nicht weg, die Wichser!!! Sogar umgekehrt, man schlägt sie, wirft sie um, und sie werden immer mehr und immer stärker. Die Hände fangen zu zittern an, wenn man den lustig aufflammenden Mannschaftswagen sieht, der früher die absolute Selbstsicherheit in seine Kräfte vermittelte. Der Papa wird Seinige natürlich nicht aufgeben, doch was soll man tun, verflixt nochmal? Die Armee einsetzen? Doch mit denen hat man nicht gearbeitet, mit denen hat man sich nicht gutgestellt, im Gegensatz zu den Bullen und Staatsanwälten - was wenn sie uns verraten?

Die einfachen Berkut-Mitglieder sind im noch größeren Schock. Die Kämpfer der bekannten organisierten Verbrecherbande „Berkut“, die nebenbei als Polizisten dazuverdienen, trafen ein bisher ungesehnes Scheissendreck: Im Kampf gegen sie vereinigten sich die Kaufleute, die sie die letzten Jahren melkten, und die Fussball-Ultras, mit denen sie ständig in den Stadien rumschlägerten. Zuerst was alles geil: an dem Drive im Zentrum von Kiev teilzunehmen, in kompletter Schutzmontur unbewaffnete Leute mit dem Schlagstock drüberzufahren und dann Orden und Geld bekommen und nach Hause zu gehen. Doch es hat sich verfickt lang hingezogen. Die, die doofer sind (und das ist die Mehrheit), sind auf alle fuchsteufelswild, verstehen nicht, warum Janik nicht den Befehl gab, alle zu auseinanderzutreiben (und die aktivsten über den Haufen zu schiessen) und denken, dass Janik ein Waschlappen ist. Diejenigen, die schlauer sind (das ist die Minderheit) verstehen sehr gut, wie gefährlich die Auseinandertreibung ist. Zum ersten ist es nicht klar, dass alles klappt, doch Fakt ist, dass es hohe Verluste geben wird, und für die Güldene Kloschüssel will man auch nicht sterben. Zum zweiten, selbst wenn man alle auseinandertreibt, dann wird man morgen die Berkutleute einzeln in Hauseingängen abschlachten, denn es gibt eine Datenbank mit allen Namen und Adressen. Und im Gegensatz zu den Mitgliedern der Partei der Regionen werden sie es nicht schaffen ins Ausland zu flüchten und die ganze Schönheit des Volkszorns wird auf ihnen ausgetragen. Sie wollen verzweifelt, dass Janik alles rückgängig machen sollte, wie es gewesen ist, doch die Wahrscheinlichkeit dessen verringert sich jeden Tag.

Kreml ist auch schockiert. Jetzt haben sie so ein geniales KGB-Spielchen geführt, die Banditen aus Donezk unterstützend, leise die Macht in der Ukraine befestigend und die wichtigsten Aktiva zusammenkaufend. Ohne Eile planten sie die Annektierung der Hälfte der Ukraine im Format des „freiwilligen Anschlusses“, indem sie die richtige „fünfte Kolonne“ entwickelten und nicht eine situationsbedingte wie die Bande aus Donezk. Doch dann hat dieser Hirni den letzten Nerv gekostet mit seinen Spielchen, um das Geld herauszupressen für den Beitritt in die Zollunion und dann hat er sich amateurhaft verspielt und veranstaltete absolut unnötiges Trash. Eigentlich müsste man Panzer nach Donbas und auf die Krim schicken, solange es nicht zu spät ist, doch darf man die Olympiade nicht zerstören und es ist nichts vorbereitet, das hier ist nicht das kleine Georgien, schön und schnell alles ohne Vorbereitung zu machen schafft man nicht, und wenn man es nicht schön macht, dann bekommt man als Minimum Probleme mit dem Visum nach Côte d’Azur und als Maximum den dritten Weltkrieg. Die Kreml-Propaganda schaut darauf, wie gerade jetzt auf dem Maidan die moderne ukrainische Nation zusammengeschmiedet wird und heult Bluttränen - fuck, wie kann man den Leuten jetzt erklären, dass sie „Kleinrussen“ sind, dass ihre Sprache künstlich ausgedacht wurde und dass sie aus irgendeinem verfickten Grund in das Imperium zurückkehren sollen und Gaben nach Moskau bringen müssen. Doch das ist gar nichts im Vergleich dazu, dass ein einfacher russischer Mann, der in den langen Jahren zum sklavischen Gehorsam erzogen wurde, dazu, dass man „nichts ändern kann“, jetzt gedankenverloren in den Fernseher starrt und sieht, wie der bis auf die Zähne bewaffneter Berkut schon den dritten Monat nichts gegen das Häuflein der früher so lustigen und knuffigen Ukrainer tun kann. Es kommen ungute Gedanken in seinen Kopf und das beunruhigt Kreml zutiefst. Der weissrussische Mann steht eine Entwicklungsstufe weiter: er geht schon vom Fernseher zum Fenster und genauso tief in Gedanken versunken schaut auf die Eingangstüren der nächsten Polizeistation, wo man ihm vor nichtallzulanger Zeit Geld abknöpfte.

USA und Großbritannien sind auch schockiert. Ihnen sind die Leiden der lokalen Eingebornen scheissegal, Hauptsache Russland wird nicht stärker, und Janukovitch machte in der letzten Zeit die angenehme Ansicht eines Diktators, der sich nicht komplett unter diese schrecklichen Russen legt, gleichzeitig kann man mit ihm über Business verhandeln. Zum Beispiel über Schiefergas und andere Geschenke der Natur. Und da gings los! Molotov-Coctails, Mannschaftswägen, Katapulten, alles ist scheisse! Janukovitch wird man runterwerfen und whodafuck wird die Verträge erfüllen? Der Rechte Sektor, ja? Und mit wem kann man jetzt Gespräche über Business führen? Mit dem Kosaken Daniljuk, ja? Und wenn die Russen eindringen und stärker werden, wie kann man so was zulassen?

China, die auch ihre Interessen auf der Krim hat, ist nicht mal in Schock, sondern versteht die Welt nicht mehr: Warum kann der lokale Barbare seine Gegner nicht auseinandertreiben? In China selbst im Jahr 1989 war genau die gleiche Kacke am Dampfen auf dem Tiananmen-Platz, doch sie haben ohne viele Ressentiments hunderte von unbewaffneten Studenten erschossen und alles ging schnell vorbei. Der Westen hat etwas gebrummt, doch dann fing er an aktiv wirtschaftlich zusammenzuarbeiten. Den Chinesen ist es nicht klar, warum der Diktator nicht so ein nahliegendes Verhalten an den Tag legt, doch ist es ihnen im Ganzen genommen scheissegal, sie sind weit weg, in osteuropäische Auseinandersetzungen mischen sie sich nicht ein. Und es gibt bald wichtigere Sachen zu tun: Die Partei gab den Befehl aus, absolut alle Medaillen auf der Olympiade 2016 zu gewinnen und die rote chinesische Fahne auf dem Mars zu enthüllen, da hat man keine Zeit für die Ukraine.

Die aktive, ungleichgültige Bevölkerung Kiews ist schon seit Monaten schockiert. Ohne Pause schockiert. Der Schock vergrößerte sich jeden Tag, doch in irgendeinem Moment wurde er durch den Enthusiasmus der Tat vollständig ersetzt. Es ist besser Arzneien in den Michailowski-Kloster zu bringen und Baumaterialien vom Maidan zu stibitzen, als auf den Wahnsinn auf der Gromadski-Strasse zu schauen und sich vor dem Fernsehschirm aufzuregen.

Die passive, gleichgültige Bevölkerung Kiews säuft noch ein Bierchen auf der Strassenbank, liked Photos in Facebook, schaut den Big Brother 6 an und backt Teigküchlein. Sie versteht noch nicht, was geschieht. Doch wenn ein unverkündeter Ausnahmezustand (unter anderem eine Begrenzung der Einreise in die Stadt), der von Janik veranstaltet wird, ein paar Tage lang aufrechterhalten wird und in der Stadt es nichts zu Fressen geben wird, dann wird sie in so einem Schock sein, wie noch nie in ihrem Leben.

Ich denke, dass heute nur der eine Kosake, den ich heute am Maidan getroffen habe, nicht im Schock ist. Er hat eine lange Stirnlocke, breite Hosen und Aufnäher auf dem Tarnanzug mit einem Text wie „Armee von Zaporozhje“. Er ging sicher mit einem Lächeln an die vordere Front zum Berkut, in einer Hand einen Schild mit der Aufschrift „Ruhm der Ukraine“ und in der anderen einen angstmachenden Stock. Er sang lustig ein Liedchen und in mir stieg die Gewissheit auf, dass diesen Menschen solche Fragen wie „Wie komme ich heute nach Hause?“, „wird was mit mir passieren?“, „Was wird mit uns allen passieren?“ nicht kümmern.

Er ist in seiner Welt. Ihm ist es scheissegal.