Dienstag, April 26, 2016

Lettische Erdogans

Wie Postimees berichtet, drohen dem Bürgermeister der lettischen Hauptstadt Riga Nils Ušakovs bis zu fünf Jahre Gefängnis weil er folgende Karikatur auf seiner Facebook-Seite veröffentlicht hat:


Man muss 185.000.000.000 EUR Wiedergutmachung von Russland fordern

Ruta Pazdere, die die Kommission für die Bewertung des Schadens für Lettland durch die sowjetische Okkupation repräsentiert und für die Kompensationberechnung zuständig ist (ja, solche Berufe gibt es), sagte das dem lettischen Fernsehkanal TV24.

Dabei wollte der Bürgermeister mit der Karikatur deutlich machen, dass die lettische Regierung alle ihre jetzige Probleme auf das Erbe der sowjetischen Okkupation zurückführt.


Nils Ušakovs

Humorlosigkeit bewies der lettische Staat auch in einem anderen Fall. Maksim Koptelov, ein 31-jähriger Filmemacher aus Lettland, wurde zu einem halben Jahr Gefängnis verurteilt, weil er auf der Petitionsplattform Avaaz.org ein Aufruf zur Wiedervereinigung zwischen Russland und Lettland gestartet hat, was ausschliesslich als Scherz gemeint war. Im Winter 2015 wurde Maksim von der lettischen Polizei verhaftet und „des öffentlichen Aufrufes zur Aufhebung der staatlichen Unabhängigkeit des Landes“ beschuldigt. Im Februar wurde das Gerichtsurteil gefällt, momentan befindet sich der Fall in Revision.


Maksim Kopeltov

Freitag, März 25, 2016

Deutsche Antifaschisten abgeschoben – der Skandal bleibt

Mitteilung des Vereinigung der Verfolgtes des Naziregimes - Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten

Gedenkmarsch der Veteranen der lettischen Legion der Waffen-SS in Riga:

Nachdem fünf Mitglieder der VVN-BdA mehrere Stunden auf dem Flughafen von Riga festgehalten worden waren, weil sie sich an den Protesten gegen den Ehrenmarsch für die Waffen-SS beteiligen wollten, wurden sie schließlich mit unbekanntem Ziel in einem Gefangenentransportwagen zeitweise unter Blaulicht fortgeschafft. Gegen Abend fanden sie sich an der litauischen Grenze wieder, wo die Polizei einen Fernreisebus anhielt. In diesen hinein verfrachtet, trafen sie 20 Stunden später wieder in Berlin ein.

Währenddessen konnten andere Mitglieder der VVN-BdA trotzdem in Riga unter intensiver Polizeibegleitung gemeinsam mit unseren lettischen Freunden von „Lettland ohne Nazismus“ und dem Direktor des Simon-Wiesenthal-Zentrums New York, Dr. Efraim Zuroff, sichtbar in der Nähe des Freiheits-Monumentes demonstrieren. Der Protest fand große Beachtung und stieß auf Interesse bei der Presse.

Die massiven Schikanen im Vorfeld waren ebenso wirkungslos geblieben wie die Einschüchterungsversuche der Immigrationspolizei im Hotel unserer Delegation.

Der Marsch der SS-Veteranen und ihrer Anhänger formierte sich nach dem Besuch eines Gottesdienstes in der St. Peters Kirche, angeführt durch den Pastor. Etwa 1.000 Veteranen und Anhänger – darunter auch sichtbar organisierte Gruppen von Neofaschisten – marschierten zum Freiheits-Monument. Der Marsch sei "gruselig" gewesen, hieß es in einem ersten Kommentar aus Riga.

Der Protest war sichtbar durch Fahnen, Transparente und Schilder mit der Aufschrift „Keine Glorifizierung des Holocaust“ in lettischer und englischer Sprache.

Außerdem wurden Fotos von Massakern an der jüdischen Bevölkerung Lettlands durch das zur lettischen Legion der Waffen-SS gehörende Kommande Viktor Arajs gezeigt. Dazu wurden Hunderte Namen von jüdischen Opfern aus Riga verlesen. Das war jedoch nur so lange möglich bis der Marsch in Hörweite kam, dann mussten die Lautsprecher auf Anweisung der Polizei ausgeschaltet werden.

Während die lettischen Behörden dafür sorgen, dass die Veteranen der Waffen-SS durch keine Erinnerung an ihre Opfer gestört durch Riga paradieren können, werden protestierende Antifaschistinnen und Antifaschisten kriminalisiert und schikaniert und ihre Arbeit in skandalösem Ausmaß behindert.

Auch 2017 werden wir deshalb wieder an der Seite unserer lettischen Freunde in Riga demonstrieren und fordern:
· Schluss mit der Ehrung von NS-Kollaborateuren und Mördern!
· Anerkennen der baltischen Beteiligung am nazistischen Völkermord!
· Freiheit für „Lettland ohne Nazismus“!

Montag, Februar 29, 2016

Noch eine Parade

Neben der Militärparade zum Tag der Unabhängigkeit gab es mehrere andere Paraden, unter anderem von der Jugendorganisation der Konservativen Partei Estlands EKRE „Sinine Äratus“ (Blaues Erwachen). Die Fackelparade mit dem Transparent „Eesti eest“, also „Für Estland“ findet fast schon traditionell am Tag der Unabhängigkeit statt und wird immer populärer, laut dem Autor des Videos, wuchs die Anzahl der Teilnehmer von 200 auf 800. Auch die Organization der Demo wird professioneller, es gibt Ordner, Maskottchen, eine Banane und einen Pinguin, viel mehr Fahnen und Gäste aus dem Ausland. Es war auch russische Sprache zu hören, bei Xenophobie sind manche Russen und manche Esten sich schnell einig.

Samstag, Februar 27, 2016

Ein Scherzle grissa

Am 24.02 feiert Estland den Tag der Unabhängigkeit, dieses Jahr jährt sich dieses Ereignis zum 98. Mal und wie jedes Jahr wird eine Militärparade veranstaltet. Traditionell wird die Parade immer in einer anderen Stadt durchgeführt, letztes Jahr in Narva, als dann die amerikanischen Panzer wenige hundert Meter vor der russischen Grenze aufgefahren sind.

Dieses Jahr war die Militärparade in Tallinn. Der Feuerwehrmann Sergej Menkov war zum Dienst dort, ihm war wohl etwas langweilig, also hat er die Parade gefilmt, sie kommentiert und dann online veröffentlicht.

Der Clip wurde 50.000 Mal angeschaut, Menkov wurde am selben Tag entlassen. Die Begründung war, dass er als Staatsdiener im Dienst den Staat „herabgewürdigt“ hat. Seitdem tobt in sozialen Netzwerken ein Sturm der Entrüstung, denn wenn estnische Staatsdiener herabwürdigende Äußerungen über die Russen äußern, passiert mit ihnen in der Regel gar nichts

Menkov wurde mit estnischem Staatsorden für das Retten von mehreren Menschenleben ausgezeichnet, seine fristlose Kündigung ist komplett überzogene Massnahme, wo ein Disziplinargespräch ausgereicht hätte. Der berühmte estnische Humor gilt auf einmal nicht mehr, wenn er auf Kosten der estnischen Parade geht.

Menkov scheint mit seiner Entlassung gar nicht so unglücklich zu sein, denn er hat keine Lust mehr für 10 EUR am Tag Bereitschaftsdienst zu schieben. Trotzdem hat eine Anwaltskanzlei schon angeboten ihn kostenlos vor einem Arbeitsgericht zu vertreten. Man darf also gespannt sein, wie es ausgeht.

Sonntag, Januar 10, 2016

Die Zivilgesellschaft erwacht

Nachdem aus Estland zuletzt eher keine gute Nachrichten zum Thema Xenophobie kamen (siehe hier und hier), haben einige junge Künstler eine Antwort gegeben.

Für die englischen Untertitel den Knopf rechts klicken.

Estnische Künstler sind bekannt für ihren Gefühl für schwarzen Humor und in diesem Lied kam dieses Können voll zur Geltung. Ironischerweise singt ausgerechnet der dunkelhäutige Dave Benton die Zeile: et neegri koht on Aafrikas, also Der Platz des Negers ist in Afrika.

Um die Bedeutung dieses Liedes zu verstehen, muss man wissen, dass es 1988 ein sehr ähnliches Lied gab mit dem Namen Ei ole üksi ükski maa (Kein Land ist alleine), das als eine Art Hymne für die estnische Unabhängigkeitsbewegung galt. Viele bekannte estnische Künstler haben damals folgendes Video aufgenommen.

Ich muss gestehen, dass ich nicht weiss, wie bekannt die Künstler sind, die das aktuelle Video aufgenommen haben, natürlich kennt man die Gewinner des Eurovision Wettbewerbs Tanel Padar und Dave Benton. Hier sind die Namen der anderen Sänger und Sängerinnen: Sepp Ott, Märt Avandi, Vaiko Eplik, Genka, Eda-Ines Etti, Liisi Koikson, Jarek Kasar, Karl-Erik Taukar, Kaire Vilgats, Rolf Roosalu, Jüri Pootsmann, Lenna Kuurmaa, Lauri Pihlap, Dagmar Oja.

Das Video wurde über 280.000 mal angeklickt, was für ein Land mit 1.2 Mio Einwohnern, die den Text verstehen können schon sehr viel ist. Es wird heiss in sozialen Netzwerken kommentiert mit den üblichen polaren Meinungen. Aber es ist auf jeden Fall sehr gut zu erfahren, dass die estnische Zivilgesellschaft durchaus schöne Stimmen, um ihr Missfallen zu aktuellen Vorkommnissen und politischen Richtung zu äußern.

Zum Schluss noch ein Video von Sepp Ott und Märt Avandi, das sogar über 870.000 Mal angeschaut wurde.

Montag, Dezember 21, 2015

Estnische PEGIDA

Am einem Wochenende in Haapsalu


Mart Helme, ehemaliger estnischer Botschafter in Moskau, Vorsitzender der Estnischen Konservativen Volkspartei EKRE, die 7 Sitze im Parlament hat