Donnerstag, September 29, 2011

Fragmente

Um die Ausstellung im Historischen Museum Estlands über berühmte Estländer, bei der ein Stand dem Nazi-Propagandisten Alfred Rosenfeld gewidmet war, eskaliert der Streit. Nachdem der Stand auf die Weisung des Kultusministeriums weggeräumt wurde, empören sich Historiker und werfen Museum und dem Kultusministerium Zensur und Geschichtsverfälschung vor. Ein entsprechender Brief wurde von 27 Historikern der Tartuer Universität unterzeichnet. Darin heisst es, dass das Kultusministerium sich unbegründet in die wissenschaftliche Tätigkeit des Museums einmischen würde. Der Beschluss des Ministeriums bedeutet dass eine Person zu persona non-grata in estnischen Geschichte erklärt wurde, und es geht gar nicht darum dass es um einen der Leader der nazistischen Partei ist, sondern dass der Versuch unternommen wurde gewaltsam die Erinnerung auszulöschen oder nur bruchstückhaft sich an etwas zu erinnern. Das ist nichts anderes als Geschichtsfälschung.

Liebe Historiker der Tartuer Universität. Ich bitte Euch zum Historischen Museum zu kommen, doch dann um die Ecke zu gehen. Dann seht ihr folgendes:







Warum soll man einen Naziverbrecher besser behandeln, als alle Leute, denen diese Denkmäler gewidmet sind? Mindestens eine der Personen, denen diese Denkmäler gewidmet sind, der Kommunist Fritz Böm, wurde von Nazis hingerichtet. An die Täter soll man sich also erinnern, aber nicht an die Opfer?

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Eine der Errungenschaft der E-stonia sind ja die E-Wahlen. Interessant ist, dass es eine Errungenschaft bleibt, bei der die anderen Länder nicht nachziehen wollen. Nicht mal die digitalen Wahlautomaten werden nach der Chaoswahl in USA 2004 eingesetzt. In Deutschland und Niederlanden wurde längst bewiesen, dass die Wahlautomaten unsicher sind. Doch in Estland werden Wahlen mit Stimmen entschieden, die am heimischen evtl. Viren, Trojaner und Rootkits-verseuchtem Computer abgegeben wurden. Jetzt schreibt die amerikanische Wissenschaftlerin Barbara Simons von Verified Voting Foundation:

1. There are a number of serious problems, as described by the OSCE/ODIHR report;
2. The voters’ privacy (secret ballot) is vulnerable;
3. The voters’ computers are vulnerable to election rigging malware;
4. There is an insider threat;
5. The server is vulnerable to attack from anyone/anywhere;
6. The system is not open or transparent;
7. There has been no security evaluation of the system by independent computer security experts.
Das Paper ist ein must-read (hier die estnische Version).

Warum soll so einem System vertraut werden? Berücksichtigt man wie wahlentscheidend mittlerweile die am Computer abgegebenen Stimmen sind, wachsen bei der Opposition die Zweifel, ob bei der letzten Parlamentswahl wirklich sauber gezählt wurde, insbesondere die grossen Unterschiede in Parteipräferenzen bei der digitalen und "alten" Zettelwahl werfen Fragen auf. Es gibt auch keine Möglichkeit zu prüfen, ob Manipulationen stattgefunden haben, denn am 11. April wurden trotz Proteste alle elektronischen Wahlunterlagen gelöscht. Ein Interview mit Blogger Raivo Orgusaar kann hier nachgelesen werden.

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Bei der letzten Sitzung von "Grazhdanskij Mir" (Zivilgesellschaft) verteidigte die Frau des estnischen Ex-Präsidenten Rüütel, Ingrid Rüütel die Bemühungen von Esten ihre Kultur zu bewahren und vor russischen Einflüssen zu bewahren, denn schliesslich sind Esten ein kleines Volk deswegen herrschen hier besondere Umstände, so dass in Estland die estnische Kultur aufbewahrt und propagiert werden soll.

Wenn das die Stimme des estnisches Volkes gewesen sein soll, dann frage ich mich, was ist denn jetzt das Ziel der estnischen Integrationspolitik? Hat es zum Ziel das estnische Volk durch die integrierte/assimilierte Fremden zu vergrößern, oder ist das Ziel die Nation möglichst gegenüber Fremden abzuschotten? Für die erste Theorie spricht die Eliminierung der russischen Bildung, für die zweite der Unwille der estnischen Behörden das Problem der Staatenlosigkeit zu lösen und die sehr zögerliche Einwanderungspolitik, die nur teilweise mit der hohen Arbeitslosigkeit zu erklären ist.

Angenommen die erste Theorie stimmt und nach ausreichend Integrationsbemühungen wird man in die estnische Gemeinschaft aufgenommen. Doch was ist es wert in der estnischen Gesellschaft aufgenommen zu werden? Wie weit kann man es als integrierter Ausländer bringen? Ich denke niemand wird bezweifeln, dass es bereits eine Menge an bestens integrierten Nichtesten gibt, doch wo sind sie alle geblieben? Im Regierungskabinett sucht man sie vergebens, den höchsten Parteiposten hat Denis Boroditch von der Zentristenpartei, er ist einer von einem Dutzend an Vizeparteivorsitzenden. Es gibt ein paar Parlamentsabgeordneten, die meisten von Zentrumspartei. Bei den grossen Firmen mit staatlichen Beteiligung gibt es keinen Leiter mit nichtestnischen Namen, nur einige Selfmade-millionäre, die es hauptsächlich durch Transit geschafft haben reich zu werden, oder aus eigener Kraft die alten Sowjetbetriebe auf Vordermann gebracht haben. Weder in der Presse noch beim Rundfunk gibt es einen bekannten Russen, der auf estnisch seine Meinung äußert. Die einzige Möglichkeit berühmt zu werden, ist Sport, doch das hat mit Integration und Sprachkenntnissen nichts zu tun. Also was ist der Lohn für die Aufgabe eigener Sprache, eigener Kultur, eigener Identität? Wo sind die russischen Cem Özdemir, Xavier Naidoo, Sebil Kikelli, Brüder Yerli (Gründer von Crytek)? Es scheint, dass es eine gläserne Decke in der estnischen Gesellschaft gibt, die selbst der integrierteste/assimilierteste Russe nicht durchstossen kann. Und wie es aussieht, ist diese Decke recht niedrig aufgehängt.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Mehrere Tonnen schweren Statuen vs ein Buch kann man doch nicht vergleichen

kloty hat gesagt…

Es geht nicht um Statuen vs. Buch. Es geht darum, dass man sich an eine dunkle Episode in der estnischen Geschichte erinnern, an die andere eher nicht. Und wenn man sich schon an einen Nazi erinnert, gab es keine berühmte Kommunisten in Estland? Ausserdem, wie ich schon geschrieben habe, an die Täter erinnert man sich, an die Opfer nicht.

Anonym hat gesagt…

Doch,dafür gibt es spez. Museum namens Okupatsiooni Muuseum.

Franz hat gesagt…

"Wo sind die russischen Cem Özdemir, Xavier Naidoo, Sebil Kikelli"
Sibel Kekilli? Denk an ihre erste Filmen (2001-2002) ...

kloty hat gesagt…

@anonymous: Vielleicht wäre es eine gute Idee Rosenfeld-Stand auch im Okkupationsmuseum zu haben, damit wäre die Positionierung eindeutig.

@Franz: Es gibt viele russische Mädchen, die 2001-2002 dasselbe gemacht haben wie Sibel. Nur was macht jetzt Sebil und was machen die russischen Mädchen?

Schirren hat gesagt…

In eine historische Ausstellung gehören auch umstrittene Persönlichkeiten. Allerdings muß der Hintergrund entsprechend deutlich gemacht werden. Es gibt nun mal bei allen Völkern Personen, die nicht jedem gefallen, und es gibt überall auch Verbrecher. Soviel Kontroverse muß man schon aushalten. Wenn man um des lieben Friedens willen alle problematischen Seiten der Geschichte ausblendet, führt das zu einem völlig verzerrten Geschichtsbild. Estland ist doch nicht Schlumpfhausen...

kloty hat gesagt…

Hallo Schirren,

nun Arnold Meri ist auch eine umstrittene Persönlichkeit, die mehr Einfluss auf die Geschichte Estlands hatte als Rosenfeld. Doch Meri und andere Kommunisten werden auf der Müllhalde der Geschichte entsorgt (wenn ich die Komposition im Hinterhof des Historischen Museums richtig interpretiere), während einem Rosenfeld ein Stand bei den berühmten Estländern reserviert wird. Und estnische Historiker regen sich auf, dass die Geschichte nicht zensiert werden darf. Deswegen der Vorschlag mal ins Hinterhof zu gehen und sich anzuschauen was hier zensiert wird.

Schirren hat gesagt…

Einverstanden, Kloty. Man mag zu A. Meri stehen wie man will, aber man kann nicht einfach so tun, als hätte es ihn nicht gegeben. Gleiches gilt für Rosenberg.

Wenn man eine "Ruhmeshalle" eröffnen will, dann wird man sich auf unumstrittene Persönlichkeiten beschränken.

Wenn es um die Aufarbeitung der Geschichte geht, dann müssen alle untersucht und bewertet werden. Natürlich werden die Bewertungen je nach Standpunkt unterschiedlich ausfallen. Aber wir können z. B. in Deutschland nicht einfach sagen "Wir tun jetzt mal so, als habe es Hitler nicht gegeben, auf der anderen Seiten nehmen wir dafür Thälmann weg, und am Schluß haben wir eine schöne, problemlose Kuschel-Geschichte, in der sich alle wiederfinden."

So läuft das nicht. Ich möchte aber werde den einen noch den anderen in einer Sammlung „große Deutsche“ sehen.

Beispiel Russland: Ich bin der Ansicht, daß in Russland heute nicht überall Lenin-Statuen herumstehen müssen, auch das Mausoleum halte ich für deplaziert, aber man kann Lenin auch nicht völlig ausblenden. Er hat seinen Platz in der russischen Geschichte, ob man ihn nun mag oder nicht.

Die Frage ist dann jeweils, wie man konkret damit umgeht. Wirft man ihn aus dem Mausoleum, heulen die Kommunisten, wenn man eine moderne, zeitgemäße Gedenkstätte für ihn aufbaut, dann meckern die Antikommunisten.

Es ist leicht, sich in allgemeinen Worten zu ergehen, aber wenn es konkret wird, dann beginnen sofort die Probleme.