Mittwoch, Februar 17, 2010

Ein Gastbeitrag von Schirren

Wer immer behauptet, man könne oder müsse endlich einen „Schlußstrich“ unter das Thema Zweiter Weltkrieg und Drittes Reich ziehen, hat nichts begriffen von Geschichte.

In der Geschichte zieht man Schlußstriche nicht nach Lust und Laune, wenn man von einem Thema die Nase voll hat. „Man“ zieht sie überhaupt nicht. Die Entscheidung darüber, wann ein Thema seine Bedeutung für unser Alltagsleben verliert und nur noch für die Historiker interessant ist, hängt nicht von unserem Willen ab.

Ich behaupte, daß wir Deutschen gut damit gefahren ist, zu akzeptieren, daß die dunklen Kapitel unserer Geschichte uns wohl noch eine Weile begleiten werden. Wir haben uns nicht einfach nur einem blinden nationalen Masochismus hingegeben wie das einige behaupten. Wir haben vielmehr im ureigenen Interesse gut dran getan, uns damit abzufinden, daß unsere Vergangenheit uns Beschränkungen auferlegt.

Manche Rechtsausleger in Deutschland, aber auch ausländische Beobachter (zum Beispiel aus Rußland) kritisieren oder bespötteln ja gerne den Umstand, daß wir Deutsche angeblich ständig „im Büßerhemd herumlaufen“ und uns andern Völkern „auf der Nase herumtanzen lassen“ würden.

Es trifft natürlich zu, daß die deutsche Schuld bisweilen als Druckmittel verwendet wird, um uns davon abzuhalten, unsere Interessen durchzusetzen. Zum Beispiel, wenn die Zusammenarbeit mit Rußland und das Projekt der Nordseepipeline in Polen oder den baltischen Staaten als neue Hitler-Stalin-Pakt bezeichnet wird (http://www.focus.de/politik/ausland/polen_aid_108334.html ). In vielen Ländern gehört das German-Bashing auch zur einfach zur Bestätigung der nationalen Identität. Holländer (http://www.skats.de/der-spiegel-der-welt/11407-die-moffen-kommen-das-deutsch-niederlaendische-nicht/ ), Schweizer (http://zueri-berlin.blogspot.com/2007/02/neuer-volkssport-german-bashing.html ), Briten (http://www.guardian.co.uk/uk/1999/oct/13/mattwells ) und andere haben das Klischee vom tumben Nazi auch deswegen so lange gepflegt, weil sie sich dadurch besser fühlen. Gott sei dank das wir nicht so sind wie die…

Das alles ist sicher bedauerlich, aber Interessengegensätze und diskriminierende Klischees gäbe es auch ohne das Dritte Reich. Aber dadurch, daß wir das Thema nicht verdrängt, sondern uns unserer Vergangenheit gestellt haben, haben wir es geschafft, auf lange Sicht wieder ein normales Verhältnis zu uns selbst und zu unseren Nachbarn zu finden (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,425907,00.html ). Wir haben Formen gefunden, uns mit unseren Konkurrenten zu arrangieren, Konflikte zu lösen und sind dabei auf lange Sicht gesehen sehr gut gefahren. Und was die oft kritisierten deutschen Minderwertigkeitskomplexe angeht so habe ich das Gefühl, dass jede Generation in dieser Hinsicht etwas entspannter ist als ihre Eltern, ohne daß wir dadurch wieder Gefahr laufen, in Überheblichkeit und Selbstüberschätzung zu verfallen. Und auch im Ausland, außer bei gewissen östlichen Nachbarn, gewinnt man allmählich ein differenzierteres Bild von unserem Land (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,605904,00.html, http://www.suedkurier.de/news/panorama/weltspiegel/;art3334,3740967, http://www.focus.de/politik/deutschland/image-studie--und-die-welt-mag-uns-doch_aid_141195.html ).

Ich will damit nicht behaupten, daß es an unserer Art mit der Vergangenheit umzugehen, überhaupt nichts auszusetzen gäbe. Oder daß die ehrliche Auseinandersetzung mit diesem Thema wirklich alle Teile der Bevölkerung umfaßt. Natürlich gibt es blinde Flecken und es gibt Ewiggestrige. Aber im Großen und Ganzen haben wir das geschafft, was jeder Psychologe seinem Patienten rät, nämlich nicht zu verdrängen, sondern aufzuarbeiten. Was verdrängt wird, das kommt nämlich wieder, und das meist in noch monströserer Form.

Das, was ich gerade beschrieben habe, ist mir erst aufgegangen beim Betrachten der Entwicklungen, die das Auseinanderfallen der Sowjetunion ausgelöst hat. Hier, so scheint mir, hat es einen solchen Prozess bis heute nicht gegeben. Ich meine damit den Versuch, die Vergangenheit ehrlich und ohne ideologische Scheuklappen aufzuarbeiten.

Vor dem Zerfall der UdSSR war die Lage relativ eindeutig, Diskussionen schienen überflüssig und waren in der Sowjetunion auch kaum möglich. Es gab einen Täter, der hieß Deutschland, alle anderen waren Opfer Deutschlands und/oder Sieger über Deutschland. Selbst Österreicher und Italiener hatten es geschafft, sich auf die andere Seite zu retten.

Seit dem die Sowjetunion begann, auseinanderzubrechen, ist das Bild nicht mehr so klar. Plötzlich gibt es verschiedene Täter und nicht alle Opfer wollen ausschließlich Opfer von Deutschland sein. Rußland, das lange Zeit mit den USA um die Rolle des ersten Siegers konkurrierte und sich zu Recht als eines der Hauptleidtragenden der deutschen Aggression sah, sieht sich nun von einigen Mitspielern – vor allem Balten, Ukrainern und Polen – in das Lager der Täter gedrängt. Dadurch gereizt hebt die russische Öffentlichkeit plötzlich die Rolle von Teilen des früheren „Sowjetvolkes“ als Nazi-Kollaborateure (http://blog.boell-net.de/blogs/russland-blog/archive/2009/05/19/kreml-kommission-soll-252-ber-quot-historische-wahrheit-quot-wachen.aspx) hervor, die noch dazu, anders als die Deutschen, nichts aus der Vergangenheit lernen wollen. Nach Schlußstrich klingt das alles nicht, eher nach einer neuen Runde. Eine Runde, in der wir Deutschen eher die Rolle diskret schweigender, die Augen niederschlagender Zuschauer einnehmen und neue Kombattanten die Arena betreten.

Diese überraschende Konstellation ist, so behaupte ich, die Folge von erfolgreicher bzw. ungenügender Aufarbeitung der Vergangenheit. Natürlich wurde der Zweite Weltkrieg in der Sowjetunion keineswegs verdrängt. Im Gegenteil, er war viel mehr im Alltag präsent, als das in Deutschland oder irgendeinem westlichen Land der Fall war. Doch auch wenn vieles, was in der Sowjetunion zum diesem Thema gesagt wurde, richtig ist und näher an der Wahrheit als manche westlichen Darstellungen, so war doch die Hauptstoßrichtung propagandistisch http://www.nzz.ch/nachrichten/kultur/aktuell/der_praeventivschlag_1.2630863.html) . Das eigene Volk und die Welt sollte verstehen, daß die Sowjetunion, also die Kommunistische Partei praktisch ganz alleine das absolute Böse besiegt hatte. Um diese Botschaft erfolgreich zu transportieren, wurde eine große Legende gebildet. Eigene Verbrechen (Katyn) (http://de.wikipedia.org/wiki/Massaker_von_Katyn )sowie der menschenverachtende Zynismus und die grotesken Fehlleistungen der eigenen Führung wurden verschwiegen. Die eigenen Verluste je nach Bedarf herunter oder heraufgerechnet. Heldentaten, die keine waren, wurden geschönt (Marinesko http://rusnavy.com/history/events/marinesko.htm http://en.wikipedia.org/wiki/Alexander_Marinesko ). Die unterschiedlichen Sichtweisen und historischen Erfahrungen der verschiedenen Völker innerhalb der Union wurden ausgeblendet. Das alles hat heute verheerende Auswirkungen.

Alle Volker der ehemaligen Sowjetunion, egal wo sie heute stehen, haben eine Lektion verinnerlicht: Krieg und Leid sind ein tolles Instrument, um sich eine nationale Identität zurechtzuschustern, wie man sie gerade braucht. Jeder will ein Opfer sein, denn Opfer sind gerechtfertigt vor den Augen der Welt. Am liebsten ist man Opfer eines Genozids (http://de.wikipedia.org/wiki/Genozid ). Ob hinter historischen Verbrechen wirklich die Absicht steckt, eine ethnische Gruppe auszurotten, spielt keine Rolle. Egal wie viele umgekommen sind und warum, es muß Genozid sein. Die Hungersnot in der Sowjetunion von 1932/33 (http://www.zeit.de/2008/48/A-Holodomor ) ist nicht etwa das Resultat der Brutalität und ideologischen Verblendung der sowjetischen Führung, sondern ein teuflischer Plan, das ukrainische Volk zu vernichten. Dass dabei auch Russen, Weißrussen, Kasachen und andere ums Leben kamen, ist nur ein perfides Ablenkungsmanöver.

Die Deportation von Esten und Letten (http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2007/0831/horizonte/0004/index.html http://www.tagesschau.de/ausland/deportationen2.html ) hatte nicht etwa politische Hintergründe, sondern war darauf gezielt, diese Völker und ihre Kultur auszulöschen. Und natürlich haben die Georgier laut russischer Propaganda einen Genozid angerichtet, als sie 2008 Süd-Ossetien angriffen und dabei nach russischen Angaben 162 Menschen http://www.sueddeutsche.de/politik/833/452536/text/ um ihr Leben brachten. Irgendwann gilt vermutlich auch der Verkauf von Kondomen als Genozid und die Völkerpsychologen werden Holocaust-Neid als neues Krankheitsbild beschreiben.

Russland, das sich aus der Erbmasse der Sowjetunion auch das Monopol auf ein Phantom namens „Antifaschismus“ zu sichern wünscht, sieht diese Tendenzen aus zwei Gründen mit Grausen. Einmal sind diese Vorwürfe natürlich Munition im täglichen Info-Krieg. Doch es geht noch um ein viel grundsätzlicheres Problem. Denn jegliche Bestrebungen, die die Sowjetunion als grausame Diktatur in eine Reihe mit dem dritten Reich stellen und den Kommunismus mit dem Nationalsozialismus vergleichen, sind geeignet, Russland jene Aura des Geheiligten zu nehmen, auf die jede russische Regierung soviel Wert legt. Die Legende zum Sieg im Großen Vaterländischen Krieg besagt nämlich nicht mehr und nicht weniger, als dass die Sowjetunion, die das absolute Böse besiegt hat, aus diesem Grunde selbst das absolute Gute verkörpert. Die Rechnung ist einfach: Faschismus = Böse, Antifaschismus = Sowjetunion = Russland = Gut. Dieser Legende gemäß hat sich die Sowjetunion nicht einfach nur ganz legitimer Weise gegen einen heimtückischen Überfall zu Wehr gesetzt. Sie hat völlig uneigennützig und unter größten Opfern die Welt gerettet. Dieses Verdienst hefteten sich die Kommunisten als Orden ans Revers, die russischen Patrioten wollen heute nicht auf diese Aura verzichten. Wer etwas abweichendes behauptet, der „verhöhnt“ die Leiden der Opfer. Darum wird auch nach dem Zusammenbruch der Herrschaft der KPdSU alles kleingeredet, was nicht in die Heiligenlegende paßt. Von der direkten (http://www.spiegel.de/spiegel/spiegelspecialgeschichte/d-55573688.html) und indirekten (http://de.wikipedia.org/wiki/Sozialfaschismusthese ) Zusammenarbeit zwischen Kommunisten und Nazis vor Hitlers „Machtergreifung“ über die mangelhafte Vorbereitung der Führung vor und das lausige Management im Krieg bis hin zu den eigenen Verbrechen. Wo es darum geht, eine nicht mehr hinterfragbare moralische Legitimität zu beanspruchen, stören solche Fakten nur. Darum ist auch unter russischen Dissidenten die abstruse These vom Präventivschlag Hitlers gegen die Sowjetunion so populär (http://www.jf-archiv.de/archiv09/200936082810.htm ). Die Gegner des Putin-Regimes fühlen instinktiv, dass sie mit solchen Thesen die Autorität der Machthaber untergraben und ignorieren großzügig die Tatsache, dass sie damit gleichzeitig deutschen Rechtsradikalen in die Hände arbeiten. Russische Politiker hingegen biedern sich bei jüdischen Organisationen an (http://rus.delfi.ee/projects/opinion/zuroff-ne-stesnyalsya-v-vyrazheniyah.d?id=24808217) , um gemeinsam gegen einen „Revisionismus der Geschichte“ zu kämpfen, obwohl man in Russland im allgemeinen sehr unzufrieden ist mit der Tatsache, dass der Holocaust von der Weltöffentlichkeit wesentlich stärker wahrgenommen wird als das Leid und die Verluste der Sowjetunion. Wahrlich, das Bild ist alles andere als eindeutig nach dem Zusammenbruch der UdSSR.

Die Führer der aus der Sowjetunion hervorgegangen Staaten haben die sowjetische Lektion verinnerlicht, daß Geschichte die Magd der Politik ist und nach Lust und Laune vergewaltigt werden kann. Da werden fröhlich alte Denkmäler eingerissen und neue errichtet. Personen die zu Sowjetzeit Anathema waren, wie der ukrainische Nationalist Stepan Bandera (http://www.fr-online.de/in_und_ausland/politik/aktuell/1976452_Stepan-Bandera-Held-mit-dunkler-Vergangenheit.html), oder die autoritären baltischen Politiker Päts (http://de.wikipedia.org/wiki/Konstantin_P%C3%A4ts) und Ulmanis (http://de.wikipedia.org/wiki/K%C4%81rlis_Ulmanis) werden zu Nationalheiligen. Unbequemes wird heruntergespielt oder ignoriert - zum Beispiel die aktive Beteiligung der Letten an der Oktoberrevolution (http://de.wikipedia.org/wiki/Lettische_Sch%C3%BCtzen)und am Aufbau des russischen Geheimdienstes (http://www.spiegel.de/spiegel/spiegelspecialgeschichte/d-54841251.html und http://en.wikipedia.org/wiki/Yakov_Peters )

Das mag den Politikern dieser Länder und einem Teil ihrer Wähler ein gewisses Gefühl der Befriedigung geben. Endlich ist Schluß mit der Verdrehung unserer Nationalgeschichte durch Fremde, endlich bestimmen wir selbst, was gut und was schlecht war. Die Naiveren unter ihnen bemerken nicht, dass sie einfach nur die Vorzeichen auswechseln. Was schwarz war ist nun weiß und umgekehrt. Von einem differenzierten Geschichtsbild, von Aufarbeitung kann nicht die Rede sein.

Die Folge ist, dass sich diese Staaten in politische Konstellationen hineinmanövrieren, die ihnen mittel- und langfristig keine Vorteile bringen. Anstatt sich die Zusammenarbeit mit dem Westen, mit Russland und sonstigen Partnern als Option offenzuhalten, legt man sich fest: Russland ist der Gegner. Die westlichen Staaten, insbesondere die USA sind Freunde und alle Befehle aus Washington werden ausgeführt. Kurzfristig bringt das Wählerstimmen, und natürlich bringt es bisweilen sogar auch Geld. Geld, das dann wieder für den Kauf amerikanischer Produkte ausgegeben werden darf. Länder, die diesen Weg wählen, werden in einflussreichen Medien der USA und England als Musterländer der Demokratie gepriesen. Aber diese Festlegung legt auch Beschränkungen auf. Russland fällt als potentieller Abnehmer von Waren weg, die Wirtschaft muß nach dem angelsächsischen Prinzip organisiert werden, also möglichst wenig Realwirtschaft, möglichst wenig soziale Sicherheit und möglichst viel Kasino-Kapitalismus. Wohin das geführt hat, zeigt die aktuelle Lage in den baltischen Staaten.

Spiegelbildlich dazu lenkt die russische Führung mit ihrer populistischen Sowjetnostalgie und der permanenten Agitation gegen den bösen Westen von ihren eigenen innen- und wirtschaftpolitischen Defiziten ab. Da Russland etwas größer ist als Estland, kann es sich solche Extravaganzen auch eher leisten, aber langfristig fruchtbar ist diese Politik auch nicht. Russland könnte den tatsächlichen und vermeintlichen Versuchen des Geschichtsrevisionismus im „nahen Ausland“ wesentlich gelassener entgegentreten, wenn man davon ablassen würde, den Sieg über Deutschland zu mystifizieren und daraus die Auserwähltheit des Landes abzuleiten. Was wäre wohl, wenn Präsident Medwedjew den Esten sagte: „Liebe estnische Freunde, wir sind völlig einer Meinung mit Euch, dass die Deportation Eurer Landsleute durch Sowjettruppen grausam war und in vielen Fällen ungerechtfertigt gewesen sein mag. Ein kleines Land hat wenige Optionen, wenn zwei Großmächte sich darum streiten, wer es besitzen darf. Wir sind bereit, uns an bilateralen Kommissionen zur Aufarbeitung dieser Geschichte zu beteiligen. Wir legen auch gerne Kränze an diesbezüglichen Mahnmalen nieder und können auf Wunsch an Gedenkfeiern teilnehmen, wo wir dem Totalitarismus jeglicher Couleur eine eindeutige Absage erteilen und unsere guten Beziehungen beschwören werden. Wenn es der Sache dient, werde ich sogar einen Kniefall hinlegen, der sich hinter dem Willy Brands nicht zu verstecken braucht. Ansonsten könnt ihr mit Denkmälern und anderen Überbleibseln aus der sowjetischen Zeit tun, was ihr wollt. Meinetwegen funktioniert ihr sie zu öffentlichen Toiletten um. Kommende Generationen werden ihre Schlüsse daraus ziehen. Unseren Sieg könnt ihr uns damit jedoch nicht nehmen, wenn ihr Euch aber von diesem historischen Ereignis distanzieren wollt - bitte. Wir sind auch gerne bereit, dazu beizutragen, dass die in Estland lebenden Russen die Landessprache in einer Weise lernen, die sie befähigt, am öffentlichen Leben teilzunehmen. Dafür erwarten wir aber auch, daß die russische Sprache und die Menschen, die sie beherrschen, nicht benachteiligt werden. Wir sind für gute Nachbarschaft und behalten uns vor, gegen Menschenrechtsverletzungen gegen Vertreter der russischsprachigen Minderheit beim Europarat zu klagen. Und, ach ja, noch was: die Nordseepipeline, die bauen wir. Egal was ihr darüber denkt.“?

Das ist natürlich nur Phantasie. Leider wird man derzeit als Ausländer weder in den baltischen Staaten noch in Rußland Erfolg haben, wenn man zu mehr Pragmatismus und Objektivität in Sachen Geschichte rät. Sofort würde man als Agent des jeweiligen Feindes entlarvt und zum Teufel gejagt.

Also versuchen wir’s im eigenen Land. Denn auch wir Deutschen könnten in Sachen Vergangenheitsbewältigung noch mehr tun – in unserem eigenen Interesse. Und zwar im Bezug auf Russland. Schon Bismarck hat erkannt, dass ein ausgeglichenes Verhältnis mit Russland zur deutschen Staatsraison gehört - weder Konfrontation noch Abhängigkeit. Im Kalten Krieg praktizierten die damals existierenden zwei deutschen Staaten gleich beides. Das verhinderte eine rationale Aufarbeitung des russisch-deutschen Verhältnisses. Im Westen lebte die antirussische Hetz-Propaganda der Nazis mit gewissen Abstrichen weiter, während in der DDR die unverbrüchliche Freundschaft mit dem großen Bruder Verfassungsrang hatte. Als Folge davon sind heute weder der Beitrag der Sowjetunion zu Sieg über Deutschland noch die deutschen Kriegsverbrechen des Ostfeldzugs ein angemessener Bestandteil unseres öffentlichen Diskurses (http://www.zeit.de/2007/25/27-Millionen-Tote). Geht es um die Rote Armee, dann kommt man bei uns schnell auf Plünderung und Vergewaltigung – natürlich ausgeführt von Russen. Was die wenigsten Deutschen wissen, ist, dass wir in Russland keineswegs den Krieg um die Ohren gehauen bekommen und in die Nazi-Rolle gedrängt werden, wie uns das im Westen teilweise selbst heute passieren kann. Solange die Medien weiterhin munter die alten rußlandfeindlichen Klischees bedienen (http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2002/0408/media/0005/index.html) während die deutsche Wirtschaft zur Annäherung aufruft, ist das Verhältnis zur östlichen Großmacht ein Schlingerkurs. Mal oberlehrerhafte Belehrungen, mal vorschnelle Verurteilungen, mal wegsehen, wo Kritik angebracht wäre. Aber wie in Rußland und den baltischen Staaten gibt es auch bei uns zu wenig Menschen, die ein rationales Verhältnis wünschen, nicht belastet ist von Hypotheken der Vergangenheit. Und zu viele, die meinen, aus alten Vorurteilen Vorteile schlagen zu können. Von Schlussstrichen sollte man daher nicht einmal träumen.

Kommentare:

kloty hat gesagt…

Hallo Schirren,

vielen Dank für Deinen sehr ausführlichen Beitrag mit vielen Quellenangaben und Verweisen.

Was das Thema des Artikels angeht, bin ich mit Dir einer Meinung, der Spruch von der Geschichte als der Magd der Politik passt wir Faust aufs Auge, lediglich mit der imaginärer Rede Medvedevs bin ich nicht ganz einverstanden, es gibt Orte in Ländern, die für andere Länder besondere Bedeutung haben, worauf Rücksicht genommen werden soll, ich denke zB. an Soldatenfriedhöfe. Auch sollte Russland solche Vorgänge, wie internationale Veteranentreffen der Waffen-SS mit immer jüngeren Teilnehmern nicht widerspruchslos hinnehmen (der Westen übrigens auch nicht).

Meine Theorie ist ja, dass die Geschichte sich wiederholt, deswegen denke ich, dass was in Deutschland 1968 passiert ist, als die junge Generation gegen ihre Eltern aufbegehrte und Aufklärung über die Zeit des Dritten Reiches verlangte, etwas ähnliches wird es in den Staaten der Ex-Sowjetunion auch passieren. Danach wird die Gesellschaft eine eindeutigere Meinung zu den Geschehnissen der älteren und jüngeren Geschichte haben, worauf sich dann Fundament für eine neue Gesellschaft bauen liesse. Wie diese Gesellschaft aussehen wird, vermag ich überhaupt nicht zu sagen.

Schirren hat gesagt…

Hallo Kloty,

danke, daß Du meinen Beitrag eingestellt hast.

Was die Frage der Denkmäler angeht, so sollte man hier zwischen Mahnmalen und Friedhöfen einerseits und Propaganda-Bauten andererseits unterscheiden. Beim Broze-Soldaten war beides gegeben, was die Sache besonders kompliziert macht. Allerdings hat man die Gebeine ja umgebettet, was aus meiner Sicht nicht zu beanstanden ist. Die andere Frage ist: Darf ein Land einem anderen seine Symbole aufdrängen?

Da sehe ich den Bronzesoldaten ähnlich wie die Alexander-Newski-Kathedrale in Tallinn und das russische Graffiti im Reichstag. Es ist eine Demonstration der Macht. WIR können hier machen, was wir wollen. Nur waren die Russen so schlau, viele ihrer Siegessymbole emotional aufzuladen, so daß ihre Eliminierung, ja sogar die Kritik an dem Monument, als Sakrileg erscheinen muß.

Die Newski-Kathedrale paßt überhaupt nicht in das mittelalterliche Stadtbild Tallinns. Sie war ein Symbol der Russifizierung und der Allmacht der Orthodoxie. Esten lutherischen Glaubens wurden im 19. Jahrhundert mit fadenscheinigen Tricks (zum Beispiel dem Versprechen von Ackerland) zur Konversion bewegt. Das ganze Reich sollte rechtgläubig werden. Wer wieder zurück wollte, weil er sich betrogen sah, wurde bestraft, ebenso die Pastoren, die die Rückkehrwilligen betreuten.

Aber wer wäre so barbarisch, heute ein Kirche einzureißen? Und wie schrill wäre das Geschrei in Moskau? Man muß also einen Weg finden, mit den Machtsymbolen des ungeliebten Nachbarn zu leben.

Die Lösung, die die deutsche Politik für das Graffiti im Reichstag gefunden hat, ist gut. Konservieren, als Teil der eigenen Geschichte akzeptieren. Wir haben auch vertraglich zugesichert, die sowjetischen Ehrenmäler zu erhalten. Das war ebenfalls richtig. Den historischen Prozeß, der zu ihrer Errichtung geführt hat, haben nun einmal wir ausgelöst. Zudem war das ein Preis für die Wiedervereinigung und "pacta sund servanda".

Bei den Esten sieht das anders aus. Sie haben den II. Weltkrieg nicht verschuldet. Für sie sind russische und sowjetische Symbole der Macht im eigenen Land nichts weiter als eine latente Drohung: Wir sind gegangen, aber wir kommen wieder...

Deine These vom russischen ’68 finde ich spannend.