Donnerstag, Februar 11, 2010

Brief aus verschneitem Estland

Lieber Anton !

Lange genug hast Du von mir nichts mehr gehört. Naja, politisch war hier auch nicht viel los, jedenfalls nichts aufregendes. Die Ansip-Regierung lügt weiterhin vor sich hin und die einfältigen Esten glauben es immer noch bedingungslos.
Die größte Kiste ist aber, daß Estlands Staatsverschuldung mittlerweile die EU-Beitrittskriterien erfüllen soll und dieses Durcheinander den Euro wohl bekommen wird. Dann hat Deutschland als Hauptträger der Gemeinschaft halt eine Beule mehr am Bein.
Natürlich ist auch das gelogen, aber die Vorschußlorbeeren für die Esten sind noch nicht aufgebraucht, also glaubt man alles, was von den unqualifizierten Verantwortlichen so ausgestoßen wird.

Derweil versuchte am 31. Januar 2o1o ein kleiner Teil der russischen Bevölkerung sich erneut, ich weiß garnicht zum wievielten Male, eine Ordnung im Zusammenschluß, genannt Notchnoi Dozor, zu geben.
Nach langatmigen, sinnlosen Diskussionen wurde dann doch noch ein Vorsitzender gewählt. Es ist Dmitri Linter, einer der seinerzeit angeklagten, vermeintlichen Rädelsführer der Unruhen um den 27. April 2oo7. Wenn Linter alles ist, ein Aufrührer wird der nie werden! Aufrührer sind aus anderem Holz geschnitzt und daß dieser Staat hier ihn dafür angeklagt hat, zeigt nur wieder, wie unerfahren die Esten allgemein sind.
Nun sind mit Linter nicht die potentiellen Köpfe der vergangenen Zeit wie z. B. Alexander Korobov oder Sergej Tydyjakov , zum Zuge gekommen, sondern Linter, der populistisch sich gut herausputzte. Die Masse der ohnehin nicht gerade herbeigeströmten Wahlberechtigten fiel daher auch auf ihn herein.
Nun hatte ich ja in der Vergangenheit schon oft über die naiven Unzulänglichkeiten von Notchnoi Dozor berichtet. Mit der vergangenen Wahl aber wird die große Chance vertan, den russischen Belangen im Zusammenleben in Estland eine organisierte, wirklichkeitsnahe Perspektive zu geben. Ansip kann sich mit all seinen nationalistischen Schwätzern beruhigt zurücklehnen denn von Notchnoi Dozor geht keine wirkliche Gefahr aus, früher schon nicht, nun überhaupt nicht mehr.
Warum, werden eventuelle Leser nun fragen. Nun, das ist recht einfach zu beantworten. Das ohnehin magere Konzept, wurde anläßlich der Verabschiedung der Satzung auf den „bronzenen Soldat“ minimiert, mit großem Aufwand wurde auch festgelegt, was damit gemeint sein wird, in der Zukunft. Das hört sich nach osteuropäischem Kindergeburtstag an. Also, regelmäßige Besuche des Denkmals mit Kerzenaufstellen und Blumendarbringungen und andächtige Demonstrationen dort. Da das Denkmal weit genug weg von jeder öffentlicher Wahrnehmung gelandet ist, kratzt das dann eh niemanden mehr. Den meisten Raum in der Arbeit von Notchnoi Dozor aber wird zukünftig der Antifaschismus einnehmen. Der Kampf gegen den Faschismus also. Was das ist, wissen in der Masse nicht einmal die Deutschen. Die Verfechter dieser Albernheit hier aber sind völlig unbeleckt. Sie verwechseln sicherlich Nationalsozialismus mit Faschismus, wie es ja auch sonst in der Welt so ist. Wer sich mal damit näher befasst hat, weiß über den Unterschied. Das riecht aber sehr streng nach aufgewärmtem Kommunismus stalinistischer Prägung. Und wenn man den einen oder anderen kennt wie ich, der weiß wer und was damit gemeint ist.
Hier aber ist Johan Bäckman aus Finnland der führende Kopf und nutzt meiner Erfahrung nach die ganze Sache und die Unwissenheit der Träumer ausschließlich für sich, ohne daß die es merken. Übrigens, wenn er selbst glaubt, was er dazu sagt, halte ich dieses für bedenklich.
Nun sind die Esten, besonders die Führungselite, keine Nationalsozialisten oder Faschisten, sondern schlichte, verbohrte Nationalisten. Das kann allerdings genau so schlimm sein.

Diese Arie ist nun gesungen und Notchnoi Dozor wird so nicht mehr als Faktor in der Zukunft Beachtung finden, auch nicht bei dem russischen Bevölkerungsteil.
Nun gab es aber recht flott massive Reaktionen der Unzufriedenheit bei Notchnoi Dozor-Mitgliedern, vornehmlich bei den „aktiveren“ Köpfen insofern, daß, es sind zur Zeit deren 8, die die „Organisation“ verlassen und etwa eine neue gründen wollen. Die Zustimmung anläßlich der Wahl für Linter war überraschend groß, umso mehr erstaunt mich, daß so viele nun dagegen sind!
Ich selbst werde sicherlich nicht einem unqualifizierten Laberladen meine Zeit zur Verfügung stellen und ebenfalls Konsequenzen ziehen. Mit dem oben schon beschriebenen Konzept kann ich nicht im entferntesten mitgehen. Meine Idee war von Anfang an und ist es immer noch, eine Organisation zu haben, die sich Gedanken macht, welche Möglichkeiten es gibt, daß Esten und Russen in diesem Lande ordentlich miteinander leben können. Davon redet niemand, ist wohl auch zu schwierig für all die antifaschistischen Geister.
Heute vormittag machte Postimees mit mir ein Telefoninterview darüber und überraschenderweise wußte der Frager schon recht gut Bescheid. Dabei sprach er auch schon von einer Neugründung unter Führung von Larissa Neschadimowa. Nun ist auch Larissa nicht gerade eine mitreißende Anführerpersönlichkeit, außerdem vertrat sie immer lautstark vorrangig die Bekämpfung des Faschismus und Kerzen und Blümchen usw.. Warum also sie Linter nun verlassen will, ist mir deshalb ein Rätsel. Selbst ein Name rauscht schon durch die Gemüter, der mir aber nicht geläufig ist, soll übersetzt „Alle Zusammen“ heißen, noch dazu soll diese Organisation schon vor 2o Jahren verboten worden sein!

Das war`s ersteinmal für heute. Ich werde Dir baldigst über die weitere Entwicklung alle Neuigkeiten zusenden !!

Mach`s gut und beste Grüße aus dem verschneiten Estenlande


Dein alter Klaus

Kommentare:

kloty hat gesagt…

Hallo lieber Klaus,

danke für Deinen Brief. Ich habe schon gestern von dem Austritt der Vorstandsmitglieder gelesen und auch einen Artikel darüber verfasst. Die Spannungen zwischen Reva und Linter auf einen Seite und Tydyjakov auf der anderen waren schon bei meinem Besuch vor einem Jahr nicht zu übersehen, dass es früher oder später zum offenen Bruch kommen wird, war eigentlich abzusehen.

Kurz meine Meinung zu Kampf gegen Faschismus. In der Sowjetunion wurde alles über einen Kamm gescherrt, alle Nazionalsozialisten, Nationalisten und andere Extrem-Rechte, das waren alles Faschisten, in der DDR war die Mauer ja auch ein Anti-Faschistischer Schutzwall. Das hat sich in den Köpfen derartig festgesetzt, dass man mit Unterscheidungen gar nicht anzukommen braucht. Gerechtigkeitshalber muss man sagen, dass im Westen auch nur die wenigsten den Unterschied zwischen Kommunismus und Sozialismus erklären können. Was die Bennenung nach einer 20-jahre alten verbotenen Zeitschrift angeht, ich weiss leider nicht, welche gemeint ist, aber ich schätze mal dass sich die Leute in der Tradition der sowjetischen Dissidentenbewegung sehen, die ja damals mit im Untergrund gedruckten Zeitschriften Informationen zwischen Gleichgesinnten ausgetauscht hat. Deswegen wollen sie sich wie die Zeitschrift nennen, um an diese Bewegung anzuknüpfen. Sowenig die Dissidenten damals realpolitisch etwas ausrichten konnten, sowenig wird es heute auch klappen, damals waren sie zumindest das Gewissen der Bevölkerung, ob man die Überreste des Notchnoj Dozor als Gewissen der russisch-sprachigen Bevölkerung bezeichnen kann, bezweifle ich stark.

Schirren hat gesagt…

Dieser Breif enthält viele Andeutungen, die nur Insidern verständlich sein dürften.

Zum Beispiel:

"Hier aber ist Johan Bäckman aus Finnland der führende Kopf und nutzt meiner Erfahrung nach die ganze Sache und die Unwissenheit der Träumer ausschließlich für sich, ohne daß die es merken. "

Den Namen habe ich schon gehört, aber inwieweit und wie nutzt er "die Träumer" für sich aus?

kloty hat gesagt…

Hallo Schirren,

über Bäckman habe ich hier> und hier geschrieben. Persönlich habe ich ihn nie getroffen. Was für konkrete Ziele er hat, für die er Notchnoj Dozor Mitglieder einspannt, weiss ich leider auch nicht, muss ich mal Klaus genauer ausfragen.

Klaus Dornemann hat gesagt…

Ja, Herr Anonymus Schirren, da sind wir wieder an meiner wunden Stelle, bevor ich Ihnen Antworte. Ich hasse nämlich Anonymität und üblicherweise antworte ich darauf nicht, aber weil ich die Laune dazu gerade habe, tue ich es trotzdem.
Aus der Anonymität heraus zu agieren ist Heckenschützenmanier !

Wie in vielen Bereichen des Lebens, muß man Insider sein, um manche Zusammenhänge zu verstehen, so auch in der Sache „Bäckman“. Johan Bäckmann ist Finne und Prof in Helsinki.
Ich schätze ihn eigentlich, obwohl er politisch ein bißchen abwegig für meine Weltauffassung ist. Er ist bekannter Kommunist, das mag ich garnicht, und hat am 22. Sept. 2oo8 mit großem Brimborium ein äußerst provokatives Buch über Estland „ Pronssisoturi“, soviel wie „ der bronzene Soldat“ in Tallinn vorgestellt. Ich war dazu eingeladen, inspirierte ich Ihn doch dazu, wie er mir so sagte. Naja !

Die zentrale Aussage in diesem Buch besteht darin, daß er behauptet, die nationalistische Führungselite Estlands richte den Staat systematisch zugrunde, sodaß dieser Pleite geht und Estland in den nächsten 1o Jahren dann Teil Rußlands in irgendeiner Form sein wird.
Nun Teile ich ersteres (Ansip, Pihl, Savisaar usw.) mit ihm, letzteres sehe ich aber nicht ganz so pessimistisch, weil ich daran glaube, daß es noch genügend Esten gibt, die das bemerken und dann geeignete demokratische Maßnahmen ergreifen. Allerdings wird das nicht leicht sein, einen verfahrenen Karren wieder flott zu machen. Darüber schreibe ich gerade ein Buch.
Ja, aber zurück zu Bäckman. Er ist im Baltikum ziemlich rege tätig, besonders als Führer der antifaschistischen Bewegung. Was immer das ist.
Darüber will ich mich aber nun nicht auslassen, weil da auch ein Buch draus werden könnte. Abe rich hoffe doch, die Problematik und vor allem das Interesse dabei

Schirren hat gesagt…

Lieber Herr Dornemann,

vielen dank für die Hintergründe, ich bin eben in puncto Estland nicht so bewandert wie Sie.

Ihre Polemik gegen meine Anonymität ist hingegen völlig fehl am Platz. Bekanntlich macht uns das Internet heute zu gläsernen Menschen und nicht jeder möchte, daß jeder beliebige andere genau weiß, wo er sich mit wem über was unterhält. So auch ich.

Von Heckenschützen könnte man reden, würde ich Sie oder andere hier polemisch angreifen. Ich denke, das habe ich nicht getan. "Schirren" ist eine identifizierbare virtuelle Identität mit einer, wie ich meine, recht ausgewogegen Meinung. Weder bin ich als Multiaccounter unterwegs, der mit zahllosen Pseudonymen versucht, ein Meinungsbild vorzuspiegeln (gibt es durchaus), noch spamme ich hier herum, wo ist also das Problem?

Was das Thema "Antifaschismus" angeht, so bin ich einer Meinung mit Ihnen. Dieses Wort wird heute als Kampfbegriff gebraucht, welcher in erster Linie suggerieren soll, daß die eigenen Gegner "Faschisten" sind, da man selbst ja ein "Antifaschist" ist.