Donnerstag, August 18, 2011

Der Pyrrhussieg des Historischen Museum Estlands

Gennadij Gramberg schrieb für die Zeitung MK Estonia folgenden Kommentar.

Wenn es einen Streit über komplizierte Momente in der neueren Geschichte gibt, dann sagt man oft um Friedens Willen - überlasst das den Historikern und nicht den Politikern. Ich bin auch dieser Meinung. Doch als die Direktorin des Estnischen Museums für Geschichte Sirje Karis siegesgewiss berichtete, dass die Ausstellung über den "ruhmreichen" Kompatrioten, den Ideologen der national-sozialistischen Bewegung Alfred Rosenberg weiterhin im Museum ausgestellt sein wird, bekam ich Zweifel, ob unsere Historiker verstehen, welchen Geist sie aus der Flasche rauslassen und zu was solche "Objektivität" führen kann.

In der Geschichte des antiken Griechenlands gab es eine Episode als der König von Epirus Pyrrhus einen Sieg gegen die Römer erringen konnte, doch der Preis war so hoch, dass der Sieg einer Niederlage gleichkam. Als ein Pyrrhussieg kann man auch den Entschluss der Museumshistoriker werten, im wichtigsten historischen Museum des Landes den Namen von einem der abstossendsten nazistischen Verbrecher zu verewigen, der für die physische Vernichtung von Millionen unschuldiger Menschen in den okkupierten Ländern Osteuropas verantwortlich war. Das Museum klärt auf, dass der objektiven Wahrheit nach - Alfred Rosenberg in Estland geboren wurde und sogar mit einer Estin verheiratet war, er wurde weltberühmt, deswegen ist die Ausstellung über ihn gerechtfertigt und seine Nazi-Vergangenheit und Schuldigsprechung vor dem Nürnberger Tribunal werden auch erwähnt.

Ein fremder Flecken

Doch diese Erklärung sieht aus wie schreckliche Heuchelei. Der Nazi ist in eine Reihe mit ausserordentlichen Leuten Estlands gestellt worden, die wirklich ihr Land berühmt machten. Das ist der Antarktis-Forscher I.F. Krusenstern, Wissenschaftler K.von Ber, der Sänger G.Ots und andere. In diesem Ruhmesgebilde steht Rosenberg als ein fremder Flecken. Auf diesen Fakt versuchte die Leiterin der jüdischen Gemeinde Estlands Alla Jakobson die Aufmerksamkeit des Kultusministeriums, dem das Museum untersteht, zu lenken, doch das Ministerium schickte einen Brief an das Museum und dort schlug man spöttisch den Gemeindemitgliedern vor, hinzugehen und zu erklären, warum ihnen Rosenberg nicht gefällt. Als ob es den Nürnberger Prozess, wo die Mitbeteiligung des berühmten Kompatrioten zu der Barbarei des faschistischen Regimes und seine führende Rolle bei den Massenmorden und insbesondere beim Holocaust bewiesen wurde, nie gegeben hätte. Wenn die Historiker das nicht wissen, dann haben wir in Estland ernsthafte Probleme mit der Geschichtswissenschaft. Es macht auch traurig, dass nur Einzelne aus der estnischen politischen und intellektuellen Elite die Ausstellung kritisiert haben. Ich nenne den Mitglied des Riikogu (übrigens einen rechten Politiker) Marko Mihkelson und die Journalistin Imbi Paju.


Zarte Saat des Nazifilie

Einer meiner Bekannten war im Museum in der Nähe des Standes über Rosenberg in dem Moment als zwei ältere Deutsche es betrachteten. Da er Deutsch kann, hat er verstanden, dass die Touristen unangenehm erstaunt über den Fakt sind, dass in Estland Nazis verehrt werden und in ihren Aussagen zeigte sich unverdeckte Verwunderung, dass man hier derart wohlgefällig zu den nazistischen Kompatrioten sei. Als ich diese Erzählung hörte, dachte ich um wieviel effektiver die Denazifizierung Westdeutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg durchgeführt wurde. Bei uns allerdings fängt unter dem Mantel der Desowjetisierung die Saat der Nazifilie (Verehrung des Nazismus) aufzugehen. Die deutsche Okkupation interpretiert man als Befreiung vom sowjetischen Regime (in Viljandi feierte man sogar dieses Ereignis), in der Reihe "Gedächtnis Estlands" ("Eesti mälu"), die von der Zeitung "Eeste Päevaleht" herausgegeben wird, wurde das Buch des Schweden Karl Motander publiziert, der mit unversteckten Begeisterung über die faschistische okkupatorische Administration Estlands spricht. Jetzt hat das Historische Museum zusammen mit dem Gustav Adolph Gymnasium seinen Beitrag geleistet.

Schauen wir dieses Ereignis im Kontext der letzten Geschehnisse in Norwegen an. Es scheint ein ruhiges und glückseliges skandinavisches Land zu sein - und der Akt der Terrors mit blutigem Abschlachten in einem Jugendlager. Der Ausführende dachte, dass er einen Anstoss geben muss, um Europa von Nichtweissen zu reinigen. Jetzt sagen die Analysten, dass rechtsextreme Stimmung in Norwegen nicht plötzlich aufkam, sondern lange reiften. Und die Regierung schaute durch die Finger auf die Verbreitung von diesen Stimmungen. Sogar die russländischen Nazis wussten davon, dass ihre ideologischen Brüder in Norwegen nicht verfolgt werde, deswegen versuchte einer von ihnen dort sogar zu wohnen.

Das gefährliche Spiel der Historiker

Die Historiker aus dem Museum spielen ein gefährliches Spiel. Den nazistischen Verbrecher als berühmten Kompatrioten zeigend und eine schweigsame Unterstützung durch die Regierung bekommend, geben sie ein Signal, dass Nazismus gar nicht so schlecht sei, dass er für Estland nicht fremd sei, das ist gegen das Sowjetische und Russländische gerichtet sei und der Protest der Juden eine Kleinigkeit sei. Man hat sie bestialisch hier getötet, Säuglinge eingeschlossen, na und. Die Historiker interessiert es nicht. Und nicht nur die Historiker. Wie freudig haben die ehemaligen Geiseln - Fahrradtouristen - berichtet, dass sie beweisen konnten, dass sie keine Juden wären. Ihnen kam nicht in den Sinn, dass sie Zeugen desselben Szenarios wurden, als die Nazisten Juden jagten und sie vernichteten, nur wegen ihrer Volkszugehörigkeit. Auf ihren Gesichtern war ein Lächeln der Freude und keine Empörung, dass Nazismus auch heute noch existiert, doch in islamischen Gewändern. Den Pyrrhussieg über den Protest der jüdischen Gemeinde heute feiernd, morgen kann die estnische Gesellschaft mit ihrem Breivik zusammenstossen, der die Idee der arischen Gemeinschaft und nazistischen Idealen verinnerlicht hat. Denn so kann man auch seinen Stand im Historischen Museum Estlands bekommen.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Die Linksextremisten wollen jetzt Museen schon verbrennen? :D

kloty hat gesagt…

Pyrotechnik und Pyrrhus klingen zwar aehnlich, haben aber nicht so viel miteinander zu tun. Und von Linksextremisten stand im Artikel nichts.

Schirren hat gesagt…

Verstehe ich das richtig, dass die Ausstellung unter dem Motto "berühmte Esten/Estländer" steht? „Ruhmreiche Kompatrioten“ ist wohl eine etwas schiefe Übersetzung aus dem Russischen, jedenfalls ist „ruhmreich“ etwas anderes als „berühmt“, und einen neutralen Überbegriff für „berühmt“ und „berüchtigt“ gibt es im deutschen nicht. Im russischen würde ich "iswestnye" sagen, was wohl neutral ist und auch einen Rosenberg einschließen kann. Es wäre interessant, zu erfahren, wie die Ausstellung im Original heißt, aber mir fehlen ohnehin die Sprachkenntnisse, um dies im Estnischen beurteilen zu können. Eine Zuordnung Rosenbergs als „berühmt/bekannt“ ist wohl korrekt, ihn kennen sicherlich mehr Menschen ausserhalb Estlands (und Russlands) als Krusenstern, Baer oder Ots. Es gibt nun mal wenige Esten (oder Deutsche aus Estland), die wirklich weltweit bekannt geworden sind. Mir scheint, dass man damit in Estland gewisse Probleme hat und damit unter Umständen auch weniger Skrupel, auf eine mediokre Gestalt wie Rosenberg zurückzugreifen. (Und Krusenstern hat ja als russischer Admiral gewirkt, nicht als estnischer)

Andererseits, was wäre denn gewesen, wenn man Rosenberg weggelassen hätte? Hätte man dann nicht mit Recht sagen können „aha, ihr tut so, als ob nur gute Menschen in Estland gelebt hätten, aber was ist mit Rosenberg?“.

Für mich ist die Art der Präsentation entscheidend. Nach den Worten des Autors wird durchaus auf die Bedeutung Rosenbergs hingewiesen. Es wäre wohl gar nicht möglich, dies nicht zu tun, denn er ist ja ausschließlich als Nazi bekannt geworden, ansonsten lässt sich über ihn nichts sagen. Ob die Einordnung der Ausstellungsmacher angemessen ist, lässt sich aufgrund der dürren Worte des Autors nicht beurteilen, man hätte diese Einordnung ja durch Fotodokumente oder Passagen aus seinem „Mythus“ ja leicht leisten können.

kloty hat gesagt…

Hallo Schirren,

schön, dass Du mein Blog noch liest, habe schon lange keine Kommentare mehr von Dir gelesen. In dem Artikel wird das Wort "slavnyj" also der ruhmreiche Rosenberg verwendet. Was die genauen Überschriften in der Ausstellung sind, weiss ich nicht.

Ich habe zuerst diesem Vorfall keine grosse Bedeutung beigemessen, der Name Rosenberg sagte mir nichts, dass ein Baltendeutscher einer der führenden Nazi-Ideologen war, wusste ich nicht. Übersetzt habe ich diesen Artikel aus zwei Gründen: Ich kenne Gennadi Gramberg persönlich und normalerweise hat er sehr ausgewogene Ansichten, er schreit nicht Wolf sobald er etwas sieht, was mit Rassismus oder Nationalismus zu tun hat, auch begegnet er Leuten wie Ephraim Zuroff mit einer gehörigen Portion Skepsis. Dass er diesen Artikel geschrieben hat, bedeutet, dass diese Ausstellung auch für estnische Verhältnisse etwas aussergewöhnliches ist. Der zweite Grund war der ungewöhnlich scharfe Protest seitens der jüdischen Gemeinde in Estland, die sich bisher eher ruhig und abwägend verhielt. Diese zwei Gründe waren für mich ausschlaggebend für die Übersetzung.

Was die Argumentation angeht, falls man Rosenberg nicht erwähnt, dann könnte jemand sagen, die Bösewichter aus Estland vergisst man absichtlich, ich glaube nicht, dass Rosenberg das Kaliber hat, derart unverzichtbar für die estnische Geschichte zu sein. Natürlich ist russische Geschichte ohne Lenin unvorstellbar, sicher wird man merken, wenn China Mao nicht erwähnt, klar weiss man, dass Hitler aus Braunau stammt, aber hat wirklich irgendjemand den Namen Rosenberg mit Estland in Verbindung gebracht?

Schirren hat gesagt…

Ich habe das Gefühl, dass die meisten Personen aus Estland, die außerhalb ihrer Heimat einen Namen haben, weder Esten sind, noch im estnischen Kontext bekannt wurden. Das scheint für die Esten ein Problem zu sein (was ich auch verstehe). Deshalb versuchen sie auf Teufel komm raus, eine eigene, estnische Geschichte zu konstruieren, in der sie nicht nur Objekt sind. Aber das ist nicht so einfach. Wäre Krusenstern (ein Deutscher, kein Este) im Land geblieben, hätte sein Gut bewirtschaftet und sich zum Ritterschaftshauptmann wählen lassen, dann wäre er nicht so bekannt geworden. Nur in russischen Diensten (oder in den Diensten einer anderen Großmacht) konnte er das werden, was er wurde.

Allein das Konzept der Ausstellung, bekannte Menschen aus Estland vorzustellen, zeigt, dass da ein Defizit besteht. Ich glaube nicht, dass jemand in Deutschland, Russland, Frankreich oder England heutzutage eine Ausstellung macht, die einfach davon handelt, dass das Land berühmte Persönlichkeiten hervorgebracht hat. Das ist klar, bedarf keiner speziellen Erwähnung. In Estland offenbar schon. Das soll kein Spott sein. Aber was nicht da ist, kann auch nicht künstlich erzeugt werden. Ich weiß nicht, wer noch alles in der Ausstellung vorkommt (wäre interessant) aber wenn Krusenstern der bekannteste ist, dann muß ich befürchten, dass selbst den außerhalb des baltisch-russischen Kulturraums kaum jemand kennt. (In Russland kennen Ihn sogar Kinder, Hunde, Kater und Briefträger). Wie muß es dann um die anderen „Superstars“ aus Estland bestellt sein?

Zum Thema Rosenberg: Wenn der estnische Titel dieser Ausstellung tatsächlich in Richtung „ruhmreich“ geht, dann ist Rosenberg natürlich ein absoluter Fehlgriff. („slavny“ hat ja, soweit ich das verstehen kann, noch eine viel positivere Konnotation als „ruhmreich“ im Deutschen)

Du hast Recht, als Nazigröße gehört R. nicht in die allererste Reihe, er wird aber heute von der Forschung nicht mehr als der einflusslose Spinner innerhalb der Parteibonzen gesehen, als der er lange galt. Und egal, wie nun der Titel der Ausstellung lautet und was zu Rosenberg im Einzelnen gesagt wird, wenn es tatsächlich Kritik an der Präsentation gibt, dann ist die geschilderte Reaktion unangemessen.

Ich habe aber dennoch Probleme, dies alles (und vieles andere in diesem Kontext) als Zeichen einer schleichenden Nazifizierung Estlands zu sehen. Ich habe das Gefühl, dass es sich hier vielmehr um eine Art Trotz und Tabubruch handelt. Auch in Russland finden sich ja oft schräge Thesen zum Thema NS. Ich habe zum Beispiel mal einen Artikel von Novodvorskaja gelesen, in dem Sie behauptet, dass es besser für Russland gewesen wäre wenn Hitlerdeutschland das Stalinistische Russland besiegt hätte. Dann wäre nämlich erst Stalin und später, nach dem Endsieg der Amerikaner, auch Hitler verschwunden und Russland wäre schon 1945 eine Demokratie geworden. Für mich sind das alles Reaktionen auf die Dogmatisierung und Verfälschung der Geschichte in der Sowjetunion. Wer jetzt „den Kommunisten“ oder „den Russen“ eins auswischen will, der formuliert einfach eine These, die dem früher Verbindlichen radikal widerspricht – zum Beispiel die Präventivkriegthese, die früher, im alten NTV, Kisseljow vertreten hat. Natürlich muß man da gegensteuern, damit so was nicht immer mehr um sich greift, aber es reicht nicht, einfach „Pfui, Nazis“ zu rufen. Und wie schon so oft hier in deinem Blog gesagt: Den Kreml-Propagandisten, die hier besonders laut rufen, geht es dabei um was ganz anderes.

kloty hat gesagt…

Zum Glück ändert sich das seit den letzten 50-60 Jahren. Die Musikwelt kennt Arvo Pärt, die Schachwelt Paul Keres, die Literaturwelt Jaan Kross, die Popwelt Vanilla Ninja und Kerli, die Sportwelt Gerd Kanter.

Ich teile Deine Meinung, dass es eher um die Provokation geht, als um ernsthafte Naziverehrung, allerdings wie schnell aus dem Spiel ein blutiger Ernst wird haben wir in Norwegen gesehen.

Schirren hat gesagt…

Zugegeben: Von den Genannten kenne ich nur Avo Pärt und Jaan Kross und ich befürchte, damit eher eine Ausnahme zu sein in Deutschland. Bei uns kennen die meisten halt nur den angelsächsichen Mainstream.

Mit Pop und Sport kenne ich mich nicht aus, keine Ahnung, wie bekannt diese Leute im Westen sind. Mein Fehler.

Eine echte Chance sehe ich in der Klassischen Musik, da tut sich ja eine Menge in Estland und Lettland, Mariss Jansons ist ja ein echeter Star bei uns. Und er spaltet nicht, sondern vermittelt zwischen deutschen, Russen, Balten und Juden, weil er nach allen Seiten Verbindungen hat und ein Aristokrat des Geistes ist. Die erkennt man daran, daß sie nicht hetzen, sondern Brücken bauen.

Ich habe gehört, daß viele junge Europäer in Riga Musik studieren. Das schein sehr attraktiv zu sein. Wäre schön, wenn auf diese Weise das Wissen und der Respekt zunimmt.

Anonym hat gesagt…

Hat Gennadij Gramberg selber das Museum besucht?


http://www.ohtuleht.ee/437212#2

29 sec und weiter kommt noch was.

Da steht "kuulsad", bekannte, der Reporter sagt dazu noch "kurikuulus", berüchtigt.