Samstag, Februar 02, 2013

Die russische Sprache und der Arbeitsmarkt

Dieser Artikel erschien in der Zeitung DV.

Die estnische Jugend kennt die russische Sprache immer schlechter, die russische die estnische und die englische immer besser und das wird zu ihrem Vorteil auf dem Arbeitsmarkt. Diese Tendenz wird in der letzten Zeit von den Massenmedien beobachtet, die auf die Auswertung des Arbeitsmarkts und die Statistik solcher Stellensuchportale wie CV Keskus und CV Online sich beziehen.

Am Arbeitsmarkt existiert eine grosse Nachfrage vor allem nach Leuten, die gut drei Sprachen beherrschen - Estnisch, Englisch und Russisch. Es ist so, dass der Business immer verstanden hat, dass die Beherrschung von, neben der Staatssprache, noch einigen Sprachen, darunter auch Russisch ein großer Plus ist. DV hatte nie Zweifel daran und erinnerte mehrmals daran, dass in einem Land in dem die russischen Sprache die Muttersprache von fast einem Drittel der Bevölkerung ist, muss sie, wenn auch inoffiziell, zu den sogenannten Landessprachen gehören.

In den letzten paar Jahren passierte mit der russischen Sprache ein Paradoxon, seine Verbreitung, laut den Daten von Ethnolongue, kehrte auf den weltweit 4. Platz zurück, trotz der Verkleinerung des russisch-sprachigen Gebietes und der Verringerung der Sprachträger. Für uns sind nicht die Gründe für diesen Paradoxon interessant, sondern der Platz der russischen Sprache unter den anderen Sprachen, zuallererst bezogen auf unsere Situation. Es ist sinnlos dafür zu kämpfen der russischen Sprache einen offiziellen Status in Estland zu geben (ausser den Status als die Sprache einer nationalen Minderheit), doch es ist genauso sinnlos ihren nichtoffiziellen Status zu verleugnen, was seit den 1990ern Jahren die Staatsmacht leider versucht.

Die vom Staat unterstützte und initiierte Verdrängung der russischen Sprache in die Hinterhöfe hat genau zu der Situation geführt, die heutzutage vorherrscht. Jeder vernünftige private Arbeitgeber, der nicht von der ultranationalistischen Seuche angefallen ist, wird das Beherrschen der russischen Sprache als einen Vorteil gegenüber der Konkurrenz finden. Und das betrifft ganz unterschiedliche Berufe, wegen den unaufhaltsam festeren Bindungen mit den östlichen Nachbarn (nicht nur mit Russland, sondern auch mit der Ukraine und sogar mit Georgien, mit denen es sich noch lange Zeit auf Russisch bequemer zu unterhalten sein wird).

Doch die oben erwähnte Statistik sagt dass unter den jungen Leuten im Alter bis 26 Jahren, für die Estnisch die Muttersprache ist, nur 15% die russische Sprache sehr gut, gut oder mittelmäßig beherrschen, überhaupt kein Russisch können 25%. Die Werte für die Leute der gleichen Altersstufe, deren Muttersprache Russisch ist, für die estnische Sprache betragen 73% bzw. 17%. Natürlich ist die estnische Sprache bei uns Staatsspache und die ganze Sprachpolitik des Staates ist darauf ausgerichtet die nichtestnische Bevölkerung Estnisch zu lehren. So kann in diesem Sinne der Staat recht zufrieden mit dem Erreichten sein. Zweifellos war das für die russisch-sprachige Bevölkerung nützlich - auf den Hinblick des Vorteils auf dem Arbeitsmarkt.

Es stellt sich also heraus, dass die estnische Jugend die Verlierer sind. Theoretisch ist das so, doch in der Praxis wirken eine ganze Reihe von künstlichen Mechanismen des Aufhaltens und Verhinderns, über die man viel spricht, die aber nicht zugegeben werden. Doch wenn in privatem Sektor diese Mechanismen nicht so oft eingeschaltet werden, oder gar nicht angehen, falls es dem Business schadet, ist es im staatlichen Sektor nicht mal ein Geheimnis. Und solange diese Situation bewahrt oder gar gefördert wird, wird die gebildete russisch-sprachige Jugend, trotz ihrer Vorteile, über die schon gesprochen wurde, sich bemühen, auf andere Arbeitsmärkte rauszugehen, nur nicht auf den estnischen. Die Vorstellung, dass die Überführung der Gymnasialbildung auf estnische Sprache nur eine Methode der Nivellierung des erwähnten Vorteils durch die Erniedrigung der gesamten Bildung durch das Unterrichten in fremden Sprache ist, wird sich nur verfestigen. Dabei wird die estnische Jugend die russische Sprache nicht lernen, so dass nach einiger Zeit selbst der Traum über Estland als einer Brücke zwischen Osten und Westen und einem Wissensknoten über den östlichen Nachbarn, jeglichen Sinn verlieren wird.


Der Papagei meiner Oma spricht ein bisschen Russisch.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

warum wird hier solcher Unsinn veröffentlicht? Kennen Sie die Hintergründe, waren Sie in Estland, haben Sie oder ihre Bekannte erlebt, wenn Ihr halbes Verwandtschaft durch Russen(bzw. Kommunisten aus Russland) umgebracht oder abgeschleppt(Vertrieben) wird? Wäre es ok wenn russen in Berlin, wo von denen mittlerweile schon ganz viele gibt, verlangen würden das russisch zweite offiziell sprachen, damit meinen die eigentlich Amtssprache wird?

kloty hat gesagt…

Hallo Anonymous,

1. Das ist mein Blog, also veröffentliche ich hier, was ich für interessant halte. Den Artikel fand ich interessant.

2. Wer es genau wissen will, ich bin in Estland geboren, meine Großeltern mütterlicherseits sind von Deutschen aus der Ukraine verschleppt worden, danach haben die Russen sie nach Sibirien verschleppt, mein Urgroßvater ist im Arbeitslager verhungert. Meine estnische Großonkel väterlicherseits sind von Deutschen während des Zweiten Weltkriegs getötet worden. Also meine Familie hat genug leid von allen Seiten erfahren. Und meiner Meinung nach, hat das alles mit dumpfen Nationalismus zu tun. Deswegen kann ich jede Form von Nationalismus nicht ausstehen.

Aber was hat das mit dem Thema des Artikels zu tun, in dem es darum geht, dass man 70 Jahre nach dem Vertreibungen russische Sprache können sollte, um einen besseren Job in Estland zu bekommen?

Was die Amtssprache angeht, in Deutschland sind Nordfriesisch, Saterfriesisch, Dänisch, Sorbisch und Romani als Minderheitensprachen anerkannt, weil die Sprachträger schon lange in Deutschland leben. Die Russen leben auch schon sehr lange in Estland, nicht nur seit dem Zweiten Weltkrieg und selbst vor Peter I. Also könnte man in Estland der russischen Sprache zumindest den Status der Minderheitensprache geben. Und es gibt mehr als genug Länder in denen es mehrere Amtssprachen gibt. Und bei 30% der russisch-sprachigen Bevölkerung könnte man auch überlegen Russisch als zweite Amtssprache einzuführen, zumindest in Regionen, wo viele russisch-sprachige leben. Englisch als dritte Amtssprache wäre auch nicht schlecht.

Anonym hat gesagt…

Das stimmt, was und wie der Blogger geschrieben hat. So ist es. Ich bin auch in Estland geboren und genau sollte man in Estland gut Russisch und Englisch können. Ich kann besser Deutsch und sollte auswandern. In Swedbank sind (amtliche) sog. Amtssprachen Estnisch, Englisch und Russisch. Diese Situation in Estland verändert sich sicher mit 20 Jahren. Meinetwegen sollte schon im Kindergarten Fremdssprachen (egal Russisch, Englisch, Finnisch)lehren. Wenn die Esten gut Russisch könnten, sollten sie in die russische Hauptschule gehen, sonst sind die Ergebnisse immer nur befriedigend. Leider ist es so. Es gibt auch ein-paar Leute, die nicht Russisch können und brauchen. Ein Mensch ist der Sohn vom Estnischen Präsident. Der hat BA von Stanford in Philosophie und sog. Internationale Verhältnisse.. (Aussenpolitik), der muss nichts besonderes können. Die anderen mit BA ohne Russisch zu können bleiben eher arbeitslos. Pure Wahr! Nichts persönliches. So ist das Leben.