Sonntag, Mai 09, 2010

Club Impressum vs Offene Republik

Seit einiger Zeit findet im russisch-sprachigen Kulturraum in Estland ein sonderbarer Wettbewerb statt. Die Kontrahenten sind der Journalisten-Club Impressum und die Jugendorganization Offene Republik, die darum streiten, wer den radikalsten Kritiker aus Russland zu einem Vortrag einladen kann. Der Unterschied dabei ist, dass Impressum die radikalsten Estland-Kritiker einlädt, während Offene Republik sich vorgenommen hat den größten Russophoben dem estnischen Publikum vorzuführen.

Club Impressum wurde von der Baltikum Korrespondentin der Komsomolskaja Pravda Galina Sapozhnikova gegründet und nimmt seit der Gründung einen prominenten Platz in dem KAPO Jahresbericht ein. Neben Organization der Vorträge ist der Club auch verlegerisch tätig, so wurden Bücher über Arnold Meri und über Georgien-Krieg aus der Sicht der russischen Jornalisten in Estland herausgegeben, was schon ein Affront gegen die offizielle Politik Estlands ist. Doch vor allem sind es die Diskussionsgäste, die KAPO folgendes schreiben lassen:

"In nächsten Zeit kann man Versuche seitens Russland erwarten ihre Einflusszone auf die Nachbarstaaten mittels Massenmedien auszudehnen. Dies wird durch die Schaffung einer günstigen Grundlage für die lokalen russisch-sprachigen Massenmedien erreicht, die sich in einer schwierigen wirtschaftlichen Lage befinden."

"Auch wenn auf den ersten Blick dieser Club harmlos aussieht als auch die von ihm organisierte Veranstaltungen man für sich einzeln nicht provokativ oder propagandistisch nennen kann, der Schlüssel zur Erreichung des Ziels liegt in langfristigen und zielgerichteten Tätigkeit"
"So ist zum Beispiel der rote Faden, der sich durch die Tätigkeit des Clubs zieht, die Nostalgie nach Sowjetzeiten und die Versuche die Zuhörer zu überzeugen, dass nach der Unabhängigkeiterlangung Estland (niemals wird davon gesprochen, dass die Unabhängigkeit wiederhergestellt wurde) nachdem es eines der entwickeltsten Republiken der Sowjetunion war, sich in ein perspektivlosen Staat mit schwachen Wirtschaft, welcher auch am wenigsten von der EU beachtet wird, verwandelt hat."

Wer waren denn die Gäste, die den estnischen Verfassungsschutz derart auf die Palme bringen? Zum einen wären da Gäste aus Westeuropa, wie der italienische ex-EU Parlamentsabgeordnete Giulietto Chiesa, der schwedische Ökonom Bo Kragh, der Nachfolger von Simon Wiesenthal, Efraim Zuroff, die recht deutlich ihre Meinung über die estnische Wirtschaft, Minderheitenpolitik oder Nationalismus kundtun. Doch sind es eher die Eingeladenen von der russischen Seite, wie der Ökonom Mikhail Chasin, der das baldige Ende des Euros verkündet oder der russische Historiker Alexander Djukov, der die estnische Version der Geschichte in Zweifel zieht, die KAPO als gefährlich für den estnischen Staat ansieht.

Die Jugendorganization Offene Republik hat daraufhin angefangen Kritiker des heutigen Russlands einzuladen. Offene Republik versammelt solche in Estland bekannte Personen wie Evgenj Krishtafovic und Sergej Metlev, die für eine vollständige Assimilation der russisch-sprachigen Bevölkerung eintreten und für alle anderslautenden Meinungen nur Verachtung übrig haben. Dies macht sie zu Lieblingen der estnischen Politiker mit denen sie in sehr gutem Kontakt stehen. Die Liste der eingeladenen Gäste kommt demjenigen bekannt vor, der die Oppositionsbewegung Anderes Russland kennt. Das wären Michail Kassjanov, der Anderes Russland mit Garry Kasparov und Eduard Limonov gegründet hat, Ljudmila Alekseeva, eine bekannte russische Menschenrechtlerin und Valerija Novodvorskaja. Während Kassjanov und Alekseeva hauptsächlich über die Verhältnisse in Russland gesprochen haben, äusserte sich Novodvorskaja auch zu Situation in Estland. Zuvor wurde Frau Novodvorskaja vom Estnischen Präsidenten Ilves empfangen, dem sie nahegelegt hat nicht nach Russland zu den Siegesfeiern des 2. Weltkrieges zu fahren. Während ihres Vortrages entschuldigte sich Novodvorskaja im Namen des russischen Volkes für die sowjetische Okkupation Baltikums, Osteuropas und der DDR. Sobald Putin weg ist, werden diese Länder als Kompensation Gas und Öl kostenlos bekommen. Es wurde über die Zyklen in der Geschichte diskutiert, dabei wurde Putin zur Wiedergeburt des Zaren Nikolai I erklärt. Tag des Sieges feiert Frau Novodvorskaja nicht, weil die sowjetischen Truppen sich keinen Deut von den deutschen unterscheiden würden. Die estnischen Legionäre wurden mit einer Schweigeminute geehrt. Die russisch-stämmigen Kinder wurden aufgerufen, so bald wie möglich estnisch zu werden und jeden Tag für die Sünden ihrer Väter zu büßen. Ausserdem fiel ihr aus dem Hotelfenster die häßliche russische Kathedrale auf Toompea auf, die man baldmöglichst abtragen solle.

Es werden schon nächste Gäste angekündigt, wie der "Historiker" Wladimir Resun (mit Pseudonym Viktor Suvorov), der von der Süddeutschen Zeitung als Holokaust Leugner bezeichnet wurde. Der Organizator der Einladung ist EU Parlamentsabgeordnete Tunne Kellam.

Mit solchen illustren Gästen, die volle Rückendeckung der estnischen Politik geniessen, geht die Organization Offene Republik, was die Radikalität der Eingeladenen betrifft, eindeutig in Führung.

Kommentare:

Schirren hat gesagt…

Sehr interessant, danke für diese Information!

Ich irre mich sicher nicht, wenn ich annehme, daß die beiden Organisationen jeweils eine treue Anhägerschaft beschallen und man nicht sagen kann, daß sich das Volk eben mit verschiedenen Positionen auseinandersetzt. Jeder hört das, was er sowieso schon zu wissen glaubt.

kloty hat gesagt…

Nun, zumindest wird auf baltija.eu, woher ich in der Zwischenzeit die meisten Informationen beziehe (steht uebrigens auch auf KAPO-Liste) ueber beide Veranstaltungsreihen berichtet. Wer diese Veranstaltungen nun besucht, kann ich nicht sagen.

Schirren hat gesagt…

Ich habe ein bißchen gegoogelt. der Schwede "Bo Craig" heißt Bo Kragh, war Wirtschaftsberater in Estland, lebte einige Zeit im Land http://books.google.de/books?id=gZ_vjez8QecC&pg=PA262&lpg=PA262&dq=Bo+Kragh,+estonia&source=bl&ots=DXZvHywopf&sig=xFnW14xCq4iN9hEG08xKEVy9ov0&hl=de&ei=mT_qS7q-JpStOIuJ5IIL&sa=X&oi=book_result&ct=result&resnum=4&ved=0CBgQ6AEwAw#v=onepage&q&f=false und hat für seine Verdienste um das estnische Bankwesen sogar einen Orden erhalten.
http://vp2001-2006.vpk.ee/en/document.php?gid=44446

In letzter Zeit scheint er sich kritisch zu wirtschaftlichen Fragen zu äußern, so z. B. zu der Frage, ob Estland der Euro-Zone beitreten solle. http://www.bbn.ee/?PublicationId=2b4a9a3d-fb16-42d1-8da0-2c2d1b74f68a, Und das auch noch in der russischen Presse.

Ob er ein russischer Spion ist?

Aber ernsthaft: ich deute die KAPO-Analyse dahingehend, daß eine Ansammlung kritischer Aussagen verschiedener, unverdächtiger Personen über eine längere Zeit gefährlicher ist als der Auftritt eines, sagen wir mal, Wladimir Shirinowski. Die Logik hat was. Sie zeigt aber auch, wie unsicher man sich in Estland fühlt.

kloty hat gesagt…

Habe ich korrigiert, danke.