Donnerstag, Mai 15, 2008

Prozess an sich

Folgenden Artikel von Jewgenia Garanza von der Zeitung Den za Dnjem in dem sie die Fortsetzung der Gerichtsverhandlung um die Anstifter der "Bronzenen Nächte" beschreibt, habe ich übersetzt.

Prozess an sich

- Fähnrich, mögen Sie Kinder?
- Nein, aber den Prozess
Ein Witz mit Bart

Vom fünften bis zum siebten Mai verlief in dem Harju Gericht die nächste Etappe der Verhandlung in der Sache Dimitrij Klenskij, Dimitrij Linter, Maksim Reva und Mark Siryk, die der Organisierung von Massenunruhen beschuldigt werden.

Wenn ein Theater mit einer Garderobe beginnt, so fing die neue Etappe der Gerichtsverhandlung über die Angeklagten in Organisierung von Unruhen Dimitrij Klenskij, Dimitrij Linter, Maksim Reva und Mark Syrik mit den Toren des Metalldetektors am Eingang an. Ein älterer Wächter schüttelt energisch eine aufgebracht piepsende Tasche des Fräuleins-Korrespondents vom Russländischen Rundfunk.

- Natürlich piepst es, dort ist Geld drin - verteidigt sich das Fräulein
- Eisernes Geld - mit Naivität eines Adams am ersten Tag der Erderschaffung wundert sich der Wächter
- Kopeken!

Meine, nicht weniger tiefe und laute Tasche, hat man in das Gerichtsgebäude ohne Widerspruch reingelassen. Schätzen wir das als eine Massnahme zur Unterstützung des heimatlichen Informationserzeugers.

Zwischendurch versammelt sich langsam im Foyer eine Gruppe von Unterstützern der Angeklagten. Ein nicht mehr frisch aussehender Mann mit der Armbinde "Notchnoj Dozor", fitte ältere Damen mit roten Fähnchen. Ein Herr mit grau-melierten Schläfen und dem Georgen-Bändchen auf der Brust erzählt mit einschläfernder, aber klingender Diakon-Stimme auf Englisch dem Fernseh-Aufnahmeteam irgendwas über "Cruelty against people..." Reva kommt und dankt den Unterstützern. Klenskij und Linter unterhalten sich hauptsächlich mit den Anwälten. Der jüngste der Angeklagten, Mark Syrik, kommt so leise, ich bemerke ihn erst im Gerichtssaal.

Die Schwierigkeiten mit der Übersetzung

Die erste nicht nur ins Auge, sondern auch ins Ohr springende Besonderheit des Prozesses: schreckliche Akustik im Gerichtssaal und nicht weniger schreckliche Aussprache aller Beteiligten. Die Angeklagten und die Zeugen könnte man noch verdächtigen in ihrem Wunsch die Arbeit des Gerichts zu erschweren, doch auch die Staatsanwältin und die Richterin nuscheln die Fragen in ihren nicht vorhandenen Bart und Verschlucken die Berichte so, dass sogar die ersten Reihen nur noch die Fetzen des Gesprächs erreichen.

Fügen wir die Synchronübersetzung in beide Richtungen hinzu und als Ergebnis kommt periodisch folgendes heraus, dass die Staatsanwältin denkt, dass der Angeklagte auf ihre dritte Frage antwortet, der Angeklagte - auf die zweite und die Gerichtsschreiberin - fast heulend - beschwert sich, dass sie die erste noch nicht protokollieren konnte.

Einige Fragen ändern sich als Resultat von mehrfachem Nachfragen und Übersetzung fast bis zur Unkenntlichkeit.

Staatsanwältin an den Zeugen: Wer von den Angeklagten trat auf bei den Versammlungen des "Notchnoj Dozor"?
Zeuge: Auftritte gab es keine, die Leute haben einfach geredet, einige mehr, andere weniger.
Staatsanwältin: Wer hat das Wort geführt?
Zeuge: Derjenige weilt nicht mehr unter uns. Er ist ein Fotograph, ein Mensch, Vladimir Studentskij. Er hat am meisten gelitten.
Staatsanwältin: Er wird nicht beschuldigt. Sie möchten sagen, dass niemand von den Angeklagten aufgetreten ist?
Zeuge: So ist es, dass eine konkrete Person auftrat, so was gab es nicht.
Staatsanwältin (nach langen Diskussionen): Antworten Sie auf die Frage, hat Linter das Wort genommen?
Zeuge: Natürlich ist er aufgetreten. Sonst würde er nicht hier sitzen. Doch der Unterschied zwischen das Wort nehmen und einer Rede ist recht gross.

Der Unterschied zwischen "Wort nehmen" und "auf einer Versammlung auftreten" ist wohl recht gross.

Eine Aufmerksamkeit verdient auch die Methode der Staatsanwaltschaft die Frage zu stellen. Die Staatsanwältin sucht lange nach Wörtern, doch trotzdem ist das Endergebnis so unkonkret, dass auch ein Journalist mit grosser Interviewerfahrung nur schwer vermuten kann, wie man auf die Weise gestellte Frage antworten könnte. Zum Beispiel:

Staatsanwältin an den Zeugen: Wie war die Art der Auftritte (vom Linter, Anm. des Autors)?
Zeuge: Er hatte mehr Erfahrung, deswegen habe ich mehr auf ihn gehört. Volodja Studentskij habe ich auch angehört. Aber keiner hat zu etwas aufgerufen.
Staatsanwältin: Ich frage über die Art der Auftritte.
Zeuge: Wie man das Denkmal vom Wegtragen schützt. Genauer gesagt, zu damaligen Zeitpunkt, vor Schändung.
Staatsanwältin: Welche Mittel hat Linter vorgeschlagen?
Zeuge: Verstehe ich nicht...
Staatsanwältin: Aber das war doch das Ziel der Gründung der Bewegung...

Über was soll der Zeuge nun reden: über die Ziele der Bewegung, über die Art der Auftritte oder über die von Linter vorgeschlagene Mittel des Protestes?

Einmal, nachdem sie dem Zeugen klarmachte, dass er auf ihre Frage nicht geantwortet hat, musste die Staatsanwältin lange grübeln, wonach sie ihn den gefragt hat.

Zeugen, die ihre Gedanken klar formulieren können, sind eine grosse Seltenheit. Natürlich haben es die Übersetzer nicht leicht, deswegen geben sie dem chaotischen Redefluss den Sinn, den sie aufgeschnappt haben. Die Folgen werden sofort sichtbar: am zweiten und am dritten Tag ergeben sich Situationen, als die Staatsanwältin und der Advokat die Antworten des Zeugen verschieden in Erinnerung haben. Im ersten Fall stimmten meine Aufzeichnungen (ich versuche alles wörtlich zu fixieren) mit der Version des Advokaten überein, im zweiten Fall mit der der Staatsanwältin. Interessant, dass weder beim ersten noch beim zweiten Mal ist es den Streitenden nicht in Kopf gekommen sich mit dem Protokoll der Sitzung abzugleichen. Vielleicht vertrauen sie selbst nicht darauf?

Ich bin keine Juristin, deswegen weiss ich nicht, ob es für normale Sterbliche unbekannte Begründungen gibt, dass man die Sitzung nicht auf ein Diktafon aufzeichnet und später genau dechiffriert, aber schon jetzt ist es klar, dass die Anzahl der Ungenauigkeiten des Verstandenen im Gerichtsprotokoll, die dorthin aus rein technischen Gründen gerieten, sehr hoch sein wird.

Zudem haben sich die Aussagen von Mehrheit der Zeugen im Gericht im vielen unterschieden, was sie im Laufe der Untersuchungen im April-Mai 2007 gesagt haben. Die Zeugen selbst erklären das mit der Ungenauigkeiten der Übersetzung während der Untersuchungen. Und selbst wenn man vermuten könnte, dass bei der Polizei gleich nach den "Bronzenen Nächten" die Leute einfach mehr gesagt haben, als sie jetzt in viel entspannteren Atmosphäre des Gerichts zu wiederholen bereit sind, vor dem Hintergrund des prozeduralen Schindluders kann man ihre Behauptungen nur schwerlich in Zweifel ziehen.

Erstaunen Sie mich

Der erste Tag fing mit der Befragung von Mark Siryk an. Wenn man aufgrund der Fragen, die die Staatsanwältin dem jungen Mann stellt, eine Anklage begründen kann, dann könnte man wenn nicht das halbe Land hinter Gitter bringen, so doch sicher alle Journalisten.

- Wissen Sie wieviele Mitglieder hat die Bewegung "Naschi"?
- Wieviele Kommissare?
- Woher wissen Sie das?

(Als Experiment habe ich diese Information im Internet innerhalb von 30 Sekunden gefunden).

Staatsanwältin: Was bedeutet aus ihrer Sicht die sowjetische Symbolik ... für das estnische Volk?
Siryk: Ich zähle mich für einen Russen und das estnische Volk soll selbst darauf antworten. Jeder hat seine Sicht.
Staatsanwältin: Sie sagen, dass die nicht wissen, was die sowjetische Symbolik für das estnische Volk bedeutet. Und für sie?
Siryk: Für mich ist das die Symbolik des Landes in dem ich geboren wurde und deren, die die Welt von Faschismus befreit haben.

Siryk kommentiert seine Gespräche in Messenger, wo er unter dem Pseudonymen "Erstaunen Sie mich" aufgetreten war, erzählt, wie er half die Fahrt der "Naschi" nach Estland zu organisieren, er stellte das kulturelle Programm zusammen. Mark verneint, dass er jemals ein Kommissar dieser Organisation gewesen sei. Er sagt, er schaffte nicht bis zum Ende den Ausbildungsprozess und blieb ohne das Kommissarabzeichen.

Die Staatsanwältin interessiert sich, ob für die Teilnahme an der Wache auf Tõnismägi Geld bezahlt worden sei.
Siryk: 16 Stunden zu bewachen ist eine schwere Arbeit. Heute tut man für Geld sogar die Strassen aufräumen. In jedem Fall war das eine Idee und ist auch eine Idee geblieben. Wir standen aufgrund eigener Initiative.
Staatsanwältin: Sie sehen einen Unterschied zwischen freiwilligen und bezahlten Arbeit auf jedem Level?
Siryk: Ich sehe einen. Wenn es eine Bezahlung gäbe, wäre es eine Belohnung für die schwere Mühe. Es gibt Programme, wo man Freiwilligen auch Taschengeld gibt, oder die Unterkunft bezahlt.

Grundsätzlich stellt sich die Ansicht, dass die Staatsanwältin nicht besonders darauf aus ist, den gestrigen Schüler in die Zange zu nehmen. Wenn Mark keine genaue Antwort geben kann und versucht zu philosophieren, wartet sie nicht ab, bis er was falsches sagt und würgt ihn müde ab: "Machen sie es sich nicht zu schwer. Sagen Sie einfach, dass Sie sich nicht erinnern..."

Im Vergleich zu Bublikov nicht schlecht...

Nach Siryk hört das Gericht die Aussage eines Zeugen aus der Zahl der ehemaligen Teilnehmern der Bewegung "Notchnoj Dozor". Der Zeuge arbeitet auf dem Bau.

Die Staatsanwältin versucht mit ihm zu klären, ob Linter der Führer von "Notchnoj Dozor" war, weil aus den Ausführungen des Zeugen während der Voruntersuchung rauskam, dass Linter nach dem Tod Studentskijs die Initiative in der Bewegung ergreifen wollte.
- So ein Wort - Führer - kommt bei mir im Kopf gar nicht vor. Führer - ist viel zu laut. Ich kann sagen, Linter war aktiv - verteidigt sich der Zeuge.

Staatsanwältin: Welches Wort benutzen Sie anstatt "Führer"
Zeuge: Aktiver...
Staatsanwältin (im Ton einer Grundschullehrerin): Und welches anderes Wort kann man anstatt "Aktiver" benutzen?
Zeuge (im Ton eines Vierer-Kandidats, dem endlich vorgesagt wurde): Aktivist!
Staatsanwältin: Ist Linter aktiv aufgetreten?
Zeuge: Im Vergleich zu mir, mehr oder weniger.

Hier habe ich mich aus irgendeinem Grund an Novoselzev aus dem Rjazanschen "Angestellte- Roman" (eine sehr bekannte sowjetische Filmkomödie Anm. des Übersetzers) erinnert, der auf die Frage nach seinem Befinden, nach dem Bekanntwerden des Todes des Kollegen Bublikov, antwortete: "Im Vergleich zu Bublikov, nicht schlecht".

Klenskij im Original

Am zweiten Tag kam die Anklage zu den Zeitungen.

Staatsanwältin: Wie bekamen Sie Informationen über Versammlungen, Meetings, Wachen?
Zeuge: Die Wachen fanden regelmäßig statt. Über sie brauchte man keine Information zu bekommen. Quellen über Meetings gibt es verschiedene. Telefon, elektronische Post, Presse.
(...)
Staatsanwältin: Wessen Artikel und Meinungen haben Sie gelesen?
Zeuge: Ich suche speziell nicht rum, damit ich Information über Meeting finden kann und teilnehmen.
Staatsanwältin: Haben Sie die Artikel von Klenskij gelesen?
Zeuge: Ja, auf jeden Fall. Sehr gute Artikel.
Staatsanwältin: Welchen Inhalt hatten die Artikel?

Interessant, muss man daraus folgern, dass ein Artikel, der in einer legalen Printausgabe erschienen ist, der keine Beanstandungen seitens der Regierung oder der Kontrollorgane der Presseethik bekommen hat, Grundlage für eine Anklage werden kann?

Andere Informationsquellen, die von den Zeugen und Angeklagten genannt wurden, sind aus der gleichen Operette: Portal "Delfi", Seite von "Notchnoj Dozor", Radio, estnische Fernsehkanäle. Sogar die Mailings des "Notchnoj Dozor" haben fast alle heimischen Massenmedien bekommen. Bei all dem genannten, der ernsthafteste Grund für eine Anklage wären Fragmente des Mailaustausches der "Dozor"-Mitglieder über den Druck und Verbreitung von Flugblättern. Nur für den Fall natürlich, falls man beweisen kann, dass der Inhalt des Flugblattes kriminell gewesen sei.

Zarenkov im dunklen Königreich

Im Ganzen strengt sich die Anklage an, die Bestätigung zu finden, dass das Volk wegen dem Aufruf des "Notchnoj Dozor" sich am Tõnismägi versammelt hat, die Verteidigung versucht zu beweisen, dass es eine unkoordinierte Aktion des Protestes gegen die Taten der Regierung und der Polizei gewesen ist.

Es setzt sich die Vorstellung durch, dass als Hauptziel der Anklage Linter und Klenskij auserwählt wurden. Linter als ein Führer des "Notchnoj Dozor". Klenskij als vermutlicher Autor des Aufrufes sich am Tõnismägi zu versammeln und als Erstellter des Dokuments, den die Staatsanwältin als "Plan zur Vorbereitung des 9.Mai" bezeichnet (die Version der Verteidigung ist, es seien nur auf die Schnelle ohne besondere Reihenfolge von Klenskij notierte Ideen, die von Teilnehmern einer besonders zahlreich besuchten Versammlung von "Notchnoj Dozor" ausgesprochen wurden). Auf Reva und Siryk, zumindest während dieser drei Tage, verwendet die Staatsanwältin erheblich weniger Aufmerksamkeit.

Ein Lichtstrahl in das dunkle Königreich brachte plötzlich der Politiker Andrej Zarenkov. Er erschien im Gericht ausgezeichnet gekleidet, formulierte seine Gedanken mit ungewohnten für ihn Klarheit, antwortete konkret auf die Fragen, kam nicht durcheinander in seinen Angaben und verriet die Brüder im Geiste nicht. Er war ausgesucht höflich, die Richterin bezeichnete er nur: Euer Ehren. Man hätte sehen sollen, wie die Richterin aufgeblüht ist! Die Blütezeit ging an der Staatsanwältin vorbei. Bestimmt weil Zarenkov sie irgendwarum nur als Herr Staatsanwalt ansprach.

Anstatt Kommentars:

Bolivar hält nicht aus

Die ganzen drei Tage während des Prozesses quälte mich dasselbe Gefühl, das ich vor einem Jahr während der Aprilen Geschehnisse empfand. Ein Gefühl, das am besten eine veraltete, doch nichtsdestotrotz treffende Phrase ausdrückt: Ich schäme mich für das Land! Weil das, was vor einem Jahr rund um Tõnismägi geschah und das was jetzt im Gerichtssaal passiert, ohne Unterscheidung zwischen Gerechten und Schuldigen, Richter und Angeklagten, Volk und Staat kann man in zwei Worten ausreichend beschreiben: beschämend und unprofessionell.

Man kann durchaus die Verantwortung für die Unruhen vom 26-27 April 2007 an die Vierer-Clique Klenskij-Linter-Reva-Siryk auferlegen. Doch lassen Sie uns die Geschichte bis zu ihrem logischen Ende fortführen und bestrafen gebührend alle anderen, die im gleichen Masse dazu beitrugen, dass "die Bronzene Nacht" gelang.

Also, die Verschwörer-Dozor-Mitglieder - schuldig. Weiter, selbstredend, schliessen wir alle Massenmedien, die ihnen jemals die Bühne gegeben haben und so beitrugen die Aufruhrstimmung zu stiften, vom soliden öffentlich-rechtlichen Fernsehsender und Radio bis zu sensationslüsternen Kanal 2 und skandalgierigen "Delfi", die Zeitungen vergessen wir auch nicht. Nach den Journalisten marschieren im Stechschritt ins Gefängnis die Polizisten, weil sie die öffentliche Schändung der Staatsfahne ermöglichten, die Verkaufsstände und Vitrinen nicht retten konnten und überhaupt nicht erfolgreich waren.

Premier-Minister Ansip, der von der Polizei und Massenmedien aufgestachelt wurde, auch dorthin, in die Kammer, für den betrunkenen Panzerfahrer und absolute Unzuverlässigkeit in seinen Versprechungen, so dass das Volk aufhörte jeden Versprechungen der Regierung Glauben zu schenken. Die restlichen Mitglieder der Regierungskoalition, die in Rekordzeit den mit solchen Mühen und hauptsächlich nicht mit ihren Händen aufgebauten Image des Staates untergruben, auch dorthin. Den oppositionellen Bürgermeister von Tallinn Savisaar, der die Menge nicht zur Vernunft bringen wollte, sonnenklar, auch dorthin. Liim - Bem - Madisson - hinter Gitter, dort wird es ohne sie langweilig. Soziologen Juhan Kivirähk, der es wagte, die Verantwortung für die Bronzene Nächte der Regierung aufzuerlegen - in den Bau. Nach ihm in voller Besatzung schicken wir die Jury, die Kivirähk als Freund der Presse betitelte und den Oberhaupt der Regierung als deren Feind bezeichnete. Nach ihr - all diejenigen, die in diesem Jahr sich sicher waren, dass die jetzige Regierung zurücktreten soll und zudem sich gegen die Bildungsreform, Steigerung der Preise und Begrenzungen auf Alkoholverkauf aussprachen - denn das ist praktisch ein Aufruf zur Abschaffung der Verfassung!

Und wenn wir, als ein ganzes Land uns endlich in einer Kammer wiederfinden, vielleicht dann könnten wir uns absprechen. Falls wir uns natürlich nicht beim Verteilen des Bettlagers zerstreiten.

Doch da Bolivar unseres Strafsystems solch eine Volksmasse nicht aushält, so wäre das einzige was ich an Stelle des Staates machen würde, falls er sich Gedanken über sein Image machen würde: den "Bronzenen Prozess" so schnell wie möglich beenden, ohne Lärm, ohne Staub und ohne Opfer. Solange er uns in Übereinstimmung mit dem im Vorwort erwähnten alten Witz keine sehr unsympathische Kinder in der Schürze bringen wird.

Kommentare:

sonikrave hat gesagt…

"Siryk: Ich zähle mich für einen Russen und das estnische Volk soll selbst darauf antworten. Jeder hat seine Sicht."

Meiner Meinung sind solche klaren Abgrenzungen der Grund allen Übels, warum Kriege überhaupt stattfinden können, um nicht gleich "jeder hat seine Sicht" mit "jedem das Seine" gleich zu setzen.

Wie auch immer, was ein sich selbsternannter "Russe", der sich nicht als Teil des estnischen Volkes sieht (aber doch in Estland wohnhaft ist (???)) sich überhaupt um die Belange des estnischen Volkes dann überhaupt zu kümmern hat, ist mir dann auch schleierhaft.

Oder sieht er sich als "Russe" zur russischländischen Interessenvertretung im europäischem Ausland berufen?

Ach ja:

"Für mich ist das die Symbolik des Landes in dem ich geboren wurde und deren, die die Welt von Faschismus befreit haben."

Die Symbolik der nicht mehr existenten Sowjetunion also, mit dem alleinigen Anspruch, die Welt vom "Faschismus befreit" zu haben.

Manche Leute leben halt noch ein wenig in der Vergangnheit, und dann noch in einer mit Tunnelblick.

Zum estnischen "Volk" bekennt sich ja Siryk jedenfalls nicht und schert sich auch gar nicht darum.

Man weiss es nicht, die wenig ziterten Wortfetzen aus der Gerichtsverhandlung lassen so gut wie zu gar nichts schliessen.

Gibst igendwo mehr davon?

Insofern sind mir auch die darum herum umkleidenden Meinungen und Interpretationen sehr suspekt, wenn diese auf Grundlage dieser Zitierunen geschlossen wurden.

In einem demokratischen Land jedenfalls ist die Justiz unabhängig und hat sich weder Ansip`s wünschen, noch den Meinungen einer Jewgenia Garanza zu beugen.

Aber so ist dass eben mit den nationalen Meinungen - klar abgegrenzt in gut und böse, schwarz auf weiss.

Womit hier der estnischen Bevölkerung, von mir aus auch Volk, (welche auch Russischsprachige beinhaltet), geholfen sein soll, erschliesst sich mir nicht.

Aber Hauptsache es gibt Feindbilder.

Und eine neue Erkenntnis für mich:

Jetzt hat sich also schon "das Volk wegen dem Aufruf des "Notchnoj Dozor"" am "Tõnismägi versammelt".

Das Volk?

Und noch Eine:

Alkoholverkauf und steigene Preise reichen offenbar jetzt schon aus, um "praktisch ein Aufruf zur Abschaffung der Verfassung" auszumachen - für diejenigen, die dagegen sind, oder dafür, oder was auch immer.

Ein ziemliches Gruselkabinet, was sich zumindest medial von "Den za Dnjem" verlautbaren lässt.

Ich ziehe mir diesen Schuh trotzdem nicht an, weder in völkischer Hinsicht, noch als Individuum.

Vielleicht fängt die Menschheit auch einfach mal an, für sich selbst zu denken. Vielleicht reicht es auch irgendwann mal zum selber nachdenken.

Ich weiss, mnche Menschen, die in einem Kollektiv aufgewachsen haben, tun sich damit ein wenig schwer. Aber es ist kein Ding der Unmöglichkeit.

Schaut doch einfach mal selbst in den Spiegel und zeigt den Finger auf euch selbst. Das ist im Grunde genommen gar nicht so schwer, hierbei zu Erkenntnis zu erlange, dass man/frau für sich selbst im Leben verwantowrtlich ist.

Wie ich bereits einleitend schrieb:

Die Einteilung in Gruppen, in gut und böse, ist und bleibt meiner Meinung nach der Grund krigerischer Auseinandersetzungen in der Welt.

Heute, wie auch damals.

kloty hat gesagt…

Hallo Sonikrave, ich würde an Deiner Stelle mich eher über die Frage der Staatsanwältin aufregen, was bedeutet die sowjetische Symbolik für das estnische Volk, denn Du hast ja mal geschrieben, dass man das estnische Volk möglichst nicht in ein Topf schmeissen sollte. Für einen Arnold Meri bedeutet die sowjetische Symbolik was völlig anderes als für einen Jüri Bem. Insofern war die Antwort von Siryk absolut korrekt.

Ich glaube Du hast meinen Standpunkt immer noch nicht verstanden. Estland ist nicht nur Heimat für das estnische Volk, man kann auch als Russe Estland als seine Heimat betrachten. Alles andere wäre Assimilierung und genau das will zumindest offiziell keiner, es wird immer von Integration gesprochen.

Aber Du hast natürlich Recht in dem Punkt, dass in Estland die Gewaltenteilung gibt, das heisst der Wunsch von Frau Garanza, dass der estnische Staat den Prozess beenden solle, kann nicht erfüllt werden, die einzige, die das kann ist die Richterin. Den Kommentar am Ende fand ich recht schwach und habe ihn vollständigkeitshalber mitübersetzt.

sonikrave hat gesagt…

"was bedeutet die sowjetische Symbolik für das estnische Volk"

Sicher. Mit das estnische Volk ist hier (hoffentlich) das Volk im juristischem Sinne gemeint, welches alle Personen beinhaltet, die die estnische Staatsbürgerachaft haben. Vielleicht war die auch eine Fangfrage? Könnte ja sein, oder nicht?

"Estland ist nicht nur Heimat für das estnische Volk, man kann auch als Russe Estland als seine Heimat betrachten."

"Insofern war die Antwort von Siryk absolut korrekt."

Nun, meiner Meinung nach hat hier Siryk einen entscheidenden Fehler begangen, er hat sich als "Russe" klassiefiziert und von dem Land, in dem er lebt distanziert (soweit diese zitierten Schnipsel irgendwas darüber aussagen können).

Das er nur von sich sprechen kann halte ich auch für korrekt, aber wieso dann für sich als "Russe"???

Was spielt die (gefühlte(???)) Nationalität dabei eine Rolle ???

Welche Hinweise ergeben sich hieraus, welche Interessen er sich bedient? Nicht der "Heimat", in der er lebt.

Ich glaube, dass ist auch immer weider ein Fehler, der allgemin begangen wird, und zu Konflikten führt, die Gleichsetzung von Nationalität und Staatsbürgerschafft.

Ich kann mir gut vorstellen, dass hier die Richterin entsprechend testen wollte, was sich aufgrund der ethnisch ausgelegten Reibereien um das Denkmal ja auch anbietet.

"Alles andere wäre Assimilierung und genau das will zumindest offiziell keiner, es wird immer von Integration gesprochen."

Was ist den Integration? Nach den neueren deutschen Einwanderungsgesetzen praktisch eine Assimilation (Integration beinhaltet an sich schon Assimilation, wenn diese unter Zwang auferelgt wird), nach den estnischen Gesetzen kann dies auch das Leben in einer Parallelgesellschaft bedeuten (siehe autonome Schulen etc.).

Das einzige Problem um die Integration, welche ich in Estland sehe, ist die ungeklärte Frage um diejenigen, die mit einem Alienpassport leben und damit innerhalb der EU gewissen Einschränkungen unterliegen. Aber niemand wird in Estland gezwungen die estnischen Staatsbürgerschaft zu elangen, oder ansonsten das Land zu verlassen (jedenfalls nicht, wenn man keine schweren Straftaten begeht).

Soll man jetzt die Peronen mit einem Alienpassport zur estnischen Staatsbürgerschaft zwingen, oder sollte da nicht eigentlich auf EU-Ebene mal die Sachlage geklärt werden (was ja langsam mal passiert)?

Sicher bringt ein im EU-Vergleich höherer Anteil an Personen mit ungeklärter Staatsbürgerschaft Probleme mit sich, aber die viel genannte Meinung, der estnische Staat würde sich weigern, diesen die Staatsbürgerschaft zu geben, ist sehr weit her geholt, in Anbetrcht der zurückgehenden Anmeldungen für dies und den im EU-Vergleich gegenüber den meisten Ländern sehr niedrig angesetzen Kriterien zur Erlangung dieser.

Und wer sich als Russe zählt, wi Siryk, und dies auch als seine Heimat betrachtet (eher die Sojetunion, die nicht mehr exisitert), bekennt sich doch erst gar nicht zu seiner Heimat. Und damit ist von mir auch kein ethnisches Bekenntnis gemeint, die ferner einig und allein Siryk für sich herleitet.

Ja aber dann muss er doch auch die Konsequenzen für sich alleine tragen.Oder liegt das jetzt in meiner Verantwortung, was andere denken und wozu diese sich bekennen wollen?

Also was ist und soll Integration bedeuten? Da sind die staatlichen Meinungen von Estland und Deutschland sehr unterschiedlich z.B. Und ich bin nicht der Meinung, dass diese unbedingt in Deutschland vorteilhafter sind.

kloty hat gesagt…

Hallo Sonikrave,

ich erzähle mal eine kleine Geschichte. Vor zwei Wochen war ich auf einer internationalen Konferenz in Berlin, die sich mit geschichtlichen Erinnerung beschäftigt. Es gab mehrere Workshops und in einem Workshop haben deutsche und holländische Lehrer geklagt, dass die Interesse ihrer Schüler an Holokaust sinkt, da inzwischen die Mehrheit dieser Schüler aus Länder kommen (Türkei, Marokko), die mit Holokaust recht wenig zu tun hatten. Während des Workshops wurden dann Auswege gezeigt, um das Interesse dieser Schüler trotzdem zu wecken, denn Geschichtsunterricht in Deutschland ist natürlich sehr stark darauf ausgerichtet über die Verbrechen der Nationalsozialisten aufzuklären.

Warum ich das erzähle? Nun, in einem europäischen Land ist es durchaus möglich zu leben, vielleicht sogar Bürger dieses Landes zu sein, und trotzdem zu einem anderen Volk zu gehören, sich zu anderer Geschichte, zum anderen kulturellen Background zu bekennen. Genau das tut Mark Siryk. Als was soll er sich auch sonst zählen? Ein Este ist er ganz sicher nicht und sämtliche Konstrukte wie estnischer Russe haben nicht mal einen richtigen Namen. Wenn sich nun die Frage stellt, warum er nicht nach Russland geht, nun als 18-jähriger hat er sämtliche soziale Beziehungen in Estland, seine Eltern, seine Freunde, vielleicht liebt er die Stadt Tallinn, estnische Natur, es gibt so viele Gründe in Estland zu leben und trotzdem nicht mit der offiziellen Version der Geschichte und der Politik nicht einverstanden zu sein.

Du sprichst das sehr interessante Thema Staatsangehörigkeit vs Nationalität an. In der Tat kennen die meisten europäischen Länder nur die Staatsbürgerschaft, Nationalität ist damit gleichbedeutend. Länder, die wenigstens doppelte Staatsangehörigkeiten erlauben, haben das Problem zumindest gemildert. Wer weiss, vielleicht gibt es früher oder später einen europäischen Ausweis, wo dann auch Nationalität stehen wird. Ob das Konflikte befeuert oder eher löst, kann ich nicht sagen.

sonikrave hat gesagt…

Hallo Kloty, interessante Ausführungen.

Eine Bemerkung zu diesem Satz:

"Wer weiss, vielleicht gibt es früher oder später einen europäischen Ausweis, wo dann auch Nationalität stehen wird."

Im estnischen Ausweis ist die Nationalität bereits vermerkt, wobei bis vor einigen Jahren nur zwischen Este/Nichteste unterscheiden wurde. Seit einigen Jahren steht allerdings auch die Nationalität explizit drinne, bei mir ist das Deutsch und die Staatsbürgerschaft Estnisch.

Eine Frage habe ich noch bezüglich Staatenlose:

Wird immer gegenüber Estland seitens EU gerne gerügt, dass es in Estland so Viele davon gibt.

Was soll der Staat aber bitte hier noch tun? Die Staatenlosen dazu zwingen, die estnische Staatsbürgerschaft annehmen zu müssen? Die heute noch übrig bleibenden, haben diese in 17 Jahren nicht angenommen, meist erst gar nicht probiert, was sich nahand der nun immer weiter sinkenden Neuanmeldungen auch ganz klar zeigt, dass diese die estnische Staatsbürgerschaft gar nicht wollen.

Die Kriterien noch niedriger stellen?

Die Kriterien sind schon so niedrig angesetzt, dass nur noch Grundkenntnisse der offiziellen Sprache und Grundkenntnisse des Staates abgefordert werden, damit überhaupt sich jemand in dem Land, dessen Staatsbürgerschaft diese Person trägt, einigermassen zurecht finden kann.

Ich denke hier kann nur noch auf EU-Ebene eine Lösung gefunden werden, was prinzipiell bedeutet, dass alle, die einen Aleinpassport eines EU-Landes haben, die selben Rechte, wie alle anderen EU-Staatsbürger bekommen und deine Idee mit dem EU-Pass halte ich als weitergehenden Schritt für die Zukunft für sinnvoll.

Aber solange es keinen verfassungsrechtlichen EU-Vertrag gibt,wird daraus vorerst nichts werden.

Ich finds nur immer peinlich, wenn die EU, die Probleme, die sie selber mit erzeugt, dann auf einzelne EU-Staaten abwälzt und so auch noch einzelne EU-Länder gegeneinander ausgespielt und aufgehetzt werden.

sonikrave hat gesagt…

Ergänzung: Auf der ID-card selbst steht nur die Staatsbürgerschaft.